Wie es sich zugetragen hat

Ein Erlebnisbericht aus meiner Sicht

 

Bakary Jassey

 
 


 

Kapitel 1

Auf diesen Tag hatte ich mich seit meiner Festnahme gefreut. Meine Frau und meine Kinder konnten es nicht erwarten, dass ich nach Hause komme. In unserer kleinen, gemütlichen Sozialwohnung hatten sie alles liebevoll für meine Rückkehr vorbereitet. Als ich zur Aufnahme im Verwaltungsgebäude des Gefängnisses kam, stand mir die Freude wohl ins Gesicht geschrieben. Damals wusste ich noch nicht, dass alles anders kommen würde.

Um 7 Uhr früh hatte ich meine Sachen fast fertig gepackt und wartete auf meine Entlassung. Die letzte Nacht war mir länger als sonst erschienen, so begierig wartete ich darauf, dieser Hölle zu entkommen. Wenn du einmal im Gefängnis warst, kannst du den Klang von klappernden Schlüsseln und das Schlagen schwerer Eisentüren nicht mehr vergessen. Und was du am meisten zu schätzen weißt, ist das Wiedersehen mit deiner Familie, deinen Freunden. Dass du dich wieder frei bewegen und alles tun kannst, ohne einen Wächter.

Gefängnisleben bedeutet Routine. Jeder Tag ist wie der vorangegangene, jede Woche wie die davor, und so vergehen die Monate. Meine Zelle war rund zehn Quadratmeter groß, ich teilte sie mit drei Mithäftlingen. Am Vorabend meiner Entlassung organisierten sie einen Abschiedsabend für mich. Ich bekam einen Kuchen, den sie alle zusammen in der Gefängniskantine erstanden hatten. Ich schnitt ihn auf, segnete ihn und teilte ihn auf. Wir beteten und scherzten den ganzen Abend lang.

Als sich am nächsten Morgen die Zellentür öffnete, verabschiedete ich mich von den Leuten in unserem Stockwerk, die sich gerade zum Arbeiten aufgestellt hatten und darauf warteten, wie jeden Morgen von den Beamten zu ihren jeweiligen Arbeitsplätzen gebracht zu werden. Es war 7.45 Uhr, als ich hinunter in die Verwaltung ging, und viele neugierige Insassen standen hinter den Fenstergittern und winkten mir nach, bis ich aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Ich war glücklich und traurig zugleich. Zu vielen Menschen hatte ich eine wirklich gute Beziehung aufgebaut. Die meisten von ihnen würde ich nie wieder sehen. Ich hatte im Gefängnis sonderbarer Weise eine gewisse Bewunderung erfahren. Selbst Beamte, Sozialarbeiter und der Gefängnisdirektor waren mit meinem Benehmen zufrieden. Ich hatte niemandem Probleme bereitet und auch nie gegen die Gefängnisregeln verstoßen.

Ich musste noch einige Dokumente unterschreiben. Der Beamte am Schalter händigte mir einen Brief der Bezirkshauptmannschaft Baden aus. Diese habe mit sofortiger Wirkung die volle Autorität über mich, stand da geschrieben. Der Mann vor mir wirkte emotional betroffen. Ich glaube, Tränen in den Augen dieses Beamten gesehen zu haben. Er steckte meine Dokumente in ein Kuvert und überreichte es den Kollegen der BH Baden, die bereits auf mich warteten und mir umgehend Handschellen anlegten.

Wir verließen das Gefängnisgebäude und stiegen in einen Polizeibus. Ich drehte mich nicht um, weil ich mir sicher war, dass dies mein letzter Gefängnisaufenthalt gewesen war. Mitnichten, wie sich schon bald herausstellen sollte.

 

Die Fahrt zur Bezirkshauptmannschaft dauerte etwa eine halbe Stunde. Im Büro saß eine dicke Frau, neben ihr ein Englischdolmetscher. Die Frau sagte, ich sei verhaftet und würde in Salzburg in Schubhaft genommen werden. Ich war verwirrt. Abschiebung? Meine Erwiderung, das müsse ein Irrtum sein, meine Familie lebe in Wien und ich wolle jetzt zu ihr, quittierte sie schreiend: Ich hätte keine anderen Rechte, außer ihren Befehlen und Anweisungen Folge zu leisten. Dann telefonierte sie kurz und setzte mich schließlich davon in Kenntnis, dass man mich nun doch ins Wiener Schubhaftgefängnis am Hernalser Gürtel bringen würde. Sie überreichte mir den Abschiebebescheid und erklärte, ich könne innerhalb von zwei Wochen dagegen berufen.

Die Entscheidung lautete folgendermaßen: Ich hätte keinen Meldezettel, kein Geld, keine Wohnung, keine Aufenthaltsbewilligung und keine Familie in Österreich. Und dann sagte die Frau, meine bis zum 2. Februar 2013 gültige Aufenthaltsbewilligung sei mit sofortiger Wirkung ungültig. Dabei lächelte sie. Um Fassung ringend bat ich die Beamtin, meine Frau anrufen zu dürfen. Sie tippte die Nummer in ihr Telefon und reichte es mir. Meine Frau war außer sich und wollte umgehend jemanden sprechen, der zuständig war. So gab ich ihr das Telefon zurück, doch schon nach wenigen genervten Worten meines Gegenübers war das Gespräch zwischen den beiden beendet.

Ich setzte meine Reise mit den drei Badener Beamten fort. Sie waren sehr freundlich. Die dicke Frau im Büro sei mit einem Afrikaner verheiratet gewesen und habe ein oder zwei Kinder von ihm. Mittlerweile sei sie aber geschieden. Welchen Mann sonst könne die auch kriegen, meinte einer von ihnen, und alle lachten. Ich lachte auch.

Am Hernalser Gürtel angekommen wurde ich durchsucht, mein Geld, mein Handy und einige andere Dinge musste ich abgeben. Ich hatte sie nicht in der Kantine am Hernalser Gürtel gekauft, daher durfte ich sie nicht behalten: Shampoo, Zahnpaste, Zahnbürste, Körpercreme, Rasiercreme, Rasierklingen, Bücher. Dann wurde ich in den zweiten Stock geführt, Zelle Nr. 208. Dort saßen vier Gambier, ein Nigerianer, ein Sudanese und ein Mann aus Guinea. Wir verstanden uns auf Anhieb gut. Obwohl ich nervös war und nicht wusste, wie es weitergehen sollte, verbrachte ich sechs Tage in angenehmer Atmosphäre. Für eine lange Zeit sollten es die letzten sein.

 

Am Nachmittag des 6. April wurde ich ins Dienstzimmer bestellt. Dort begegnete ich C. zum ersten Mal. Er wollte, dass wir uns hinsetzen und kurz miteinander sprechen. Ich fragte ihn, wer er sei, warum er mit mir reden wollte und für welche Organisation er denn arbeiten würde. Von einer Spezialeinheit der Polizei, antwortete er und deutete auf einen Ausweis, der an einer Schnur um seinen Hals baumelte. Er sei angewiesen, mich davon in Kenntnis zu setzen, dass beim zuständigen Konsulat ein Reisedokument für mich beantragt worden sei.

Ein Reisedokument? Ich bräuchte keine Reisedokumente, gab ich zurück. Ich hätte bei keiner Behörde den Verlust meines Reisepasses gemeldet, daher sei es nicht notwendig, ein Reisedokument für mich zu beantragen. Alle meine Dokumente seien in meinem Besitz, vollständig und in Sicherheit. Darüber wisse er nichts, gab der groß gewachsene Mann zurück, er befolge nur Anweisungen.

Das Gespräch dauerte ungefähr zehn Minuten. Ich kehrte in meine Zelle zurück und berichtete den Kollegen von meiner Begegnung. Das sei wohl der Referent aus Baden gewesen, waren wir uns einig und spielten wie immer bis spät in die Nacht hinein unser afrikanisches Spiel Drave. Knapp zwei Stunden, nachdem wir uns schlafen gelegt hatten, stellte sich heraus, dass wir uns geirrt hatten. Gegen vier Uhr stürmte C. in Begleitung von vier uniformierten Kollegen unsere Zelle.

Sie brüllten meinen Namen, alle schreckten aus ihren Betten. Uniformierte Männer rafften hastig meine Habseligkeiten zusammen. Nun würden sie mich wohl zum Generalkonsul bringen, mutmaßte ich schlaftrunken. Hatte C. doch zuvor mit mir über Reisedokumente gesprochen.

Ich wusch mir das Gesicht, putzte mir die Zähne und wollte zur Toilette. Einer der Beamten trat energisch vor und versperrte mir den Weg. Die Männer waren gereizt, die Stimmung war angespannt. Ratlos verabschiedete ich mich von meinen Kollegen und folgte den Beamten zur Aufnahme, wo mir meine restlichen Sachen ausgehändigt wurden.

Drei der Männer waren Beamte der Sondereinsatzgruppe WEGA. Sie wiesen mich an, in ihren Polizeibus zu steigen. Auf die Frage, wohin wir denn fahren würden, gab C., der sich neben mich gesetzt hatte, zurück, dass ich das noch früh genug herausfinden würde. Die Männer schienen sich gut zu amüsieren. C. gab mir die Reisedokumente und das Flugticket. Ich solle gar nicht erst versuchen, die Papiere zu vernichten, wie es unter Schubhäftlingen üblich sei. Alle lachten. Ich nicht.

Wir fuhren weiter und parkten vor dem Flughafen. C. stieg aus, verschwand im Terminalgebäude und kam wenig später zurück. Wir setzen unsere Fahrt fort, begleitet von einem Polizeiauto mit zwei uniformierten Beamten. Im Air Cargo Centre hielten wir, einer der Beamten öffnete die Tür mit Hilfe eines elektronischen Chips, wir kamen zur Sicherheitskontrolle am Flughafen, wo meine Handtasche kontrolliert wurde. Weiter ging die Fahrt bis zum Standort der SN Brussels Airline. Zehn Minuten lang blieben wir im Auto neben dem Flugzeug sitzen und warteten. Tausend Dinge gingen mir zugleich im Kopf herum. Ich fühlte mich wie gelähmt. Das konnte doch alles nicht wahr sein.

Ein Handzeichen der Stewardess war das Zeichen für die Beamten. Wir betraten die Gangway. Und da geriet ich in Panik. Ich drehte mich zur Flugbegleiterin, die an der Vordertür der Maschine wartete. Ob ich mit ihr sprechen könne, flehte ich sie an. Dass ich über diese Reise nicht informiert worden war. Dass ich eine österreichische Frau und zwei Kinder hätte, die ebenfalls nicht benachrichtigt worden waren. Und dass es nicht in Ordnung sei, wenn ich das Land ohne ihr Wissen verlassen müsste. Dass es zudem ein noch offenes Verfahren gäbe. Unmissverständlich machte ich ihr klar, dass ich gegen meinen Willen hier war und nicht mitfliegen wollte. Die Stewardess informierte den Co-Piloten. Dieser entschied, dass er mich nicht an Bord nehmen würde, wenn ich nicht freiwillig fliegen wollte.

Ich kann mich noch an die Blicke zwischen C. und seinen Kollegen erinnern. Sie schienen nicht unglücklich zu sein über diese fehlgeschlagene Abschiebung. Sie versuchten auch nicht, mich zu überreden, im Flugzeug zu bleiben. Und so folgte ich ihnen - vorerst erleichtert - hinunter zum Polizeibus.

 

C. sagte zu mir, sie hätten bereits gewusst, dass ich nicht mitfliegen würde. Und dass ich nun etwas erleben werde. Er telefonierte unentwegt, war nervös und wirkte ziemlich aggressiv. Als wir die Station der Flughafenpolizei in Schwechat erreichten, stieg C. aus und ging hinein, der Fahrer wendete den Wagen und parkte. Als C. zurückkehrte, telefonierte er immer noch, Wir warteten ein paar Minuten, offenbar auf einen Rückruf. Dann fuhren wir zurück zur Autobahn Richtung Wien. Immer wieder wechselten C. und der Fahrer das Handy.

Wir fuhren eine ziellos scheinende Runde durch das Viertel. Schließlich, etwa hundert Meter nach der Autobahnabfahrt, lenkte der Fahrer an einen weißen Bus heran und parkte direkt daneben. Von außen bin ich so für mögliche Zeugen nicht zu sehen, dachte ich mir. Weil der Bus zwischen der Autobahn und unserem Wagen stand. Wie zuvor unseren Weg durch die Stadt versuchte ich mir jetzt, die Umgebung genau einzuprägen. Ich sah zwei Straßenüberführungen, eine Türöffnung am Zaun, wo wir parkten, und ich sah auch, wie eine Straßenbahn der Linie 21 an uns vorbeifuhr. Die Beamten stiegen aus und ließen mich allein im Wagen zurück. Ich hatte Angst, hörte mein Herz pochen. Ein weiterer Polizist kam dazu, die Männer begannen zu diskutieren. Schließlich stiegen sie wieder ein, es ging noch ein kleines Stück weiter. An einer Ampel bogen wir links ab, auf der rechten Seite der Kreuzung stand eine große Lagerhalle, das Doppeltor stand weit offen.

 

Der Fahrer parkte den Bus am Ende der verlassenen Halle. Die Polizisten stiegen eilig aus und verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich blieb allein zurück, eingesperrt, und war erneut der Panik nahe. Was hatte ich an diesem seltsamen Ort zu suchen? Die Halle war sehr groß, staubig, nicht ausgemalt, viele Betonpfeiler stützten die Decke, auch der Boden war aus Beton. Wollten mich diese Männer umbringen? Hatten sie einen geheimen Auftrag? Wurden an diesem geheimen Ort Exekutionen von der Polizei durchgeführt? Das konnte doch nicht sein. Ich dachte, vielleicht handelte es sich ja um eine Art Doppelmission. Sie sollten versuchen, mich abzuschieben, mich anschließend zu Tode foltern und meine sterblichen Überreste verbrennen. Gab es in Österreich geheime Hinrichtungen? All das geisterte mir im Kopf herum. Mir fielen die mysteriösen Geschichten ein, die es in den letzten Jahren mit Schwarzafrikanern und der Polizei gegeben hatte. Schon manch einer war in diesem Land auf mysteriöse Art und Weise ums Leben gekommen. Heute war wohl ich an der Reihe.

Etwa zehn Minuten lang sah ich keinen der Männer. Sie hatten vermutlich das ganze Gebäude durchsucht um sicherzustellen, dass niemand sie sehen konnte. Dann kamen sie zurück, mit dicken, schwarzen Handschuhen. Erst jetzt fielen mir ihre schweren Stiefel auf. C. stieg zu mir in den Bus, setzte sich neben mich und lächelte. Er holte eine rote Schnur aus seiner Tasche und befahl mir, ihm beide Hände hinzustrecken. Ich tat, wie mir geheißen, er zog die Schlinge fest zusammen. „Das hier ist kein Scherz“, sagte er mit drohender, tiefer Stimme. „Ich habe dir schon gesagt, dass wir eine Spezialeinheit sind und dass wir einen Auftrag haben. Aber du wolltest ja nicht hören.“ Ob ich Adolf Hitler kennen würde? Ich sagte nein, aber dass ich wisse, dass er sechs Millionen Juden umgebracht hat. Ich werde die Nummer Sechsmillionenundeins sein, gab C. zurück, und befahl mir, auszusteigen. Die drei Beamten hatten die Handschuhe mittlerweile übergezogen. Etwas entfernt sah ich den vierten Mann stehen. Es kam mir so vor, als würde er die Szene filmen. Bis heute frage ich mich, was aus diesem Video geworden ist.

 

„Action!“ brüllte C. Ich kniete nieder, weinte, bettelte um Gnade, sie mögen mein Leben schonen und mich nicht umbringen. Ich sei ein Familienvater mit zwei Kindern und einer Frau. „Es ist zu spät!“ höhnte C. Wenn ich ins Flugzeug gestiegen wäre, würde mein Leben jetzt in Sicherheit sein. Ich begann zu schreien, immer lauter, bis ich fast keine Stimme mehr hatte. Der Mann, der die ganze Zeit abseits gestanden hatte, lief zum anderen Ende der Halle und sah sich vorsichtig um. War da wer? Konnte hoffentlich irgendjemand all das sehen?

„Auf Wiedersehen, Jassey, du wirst deine Frau und deine Kinder niemals wieder sehen, diese süße Welt ist nun zu Ende für dich!“ Sie umzingelten mich, dann sprangen sie los. Schläge trommelten auf mich ein. Es hörte nicht auf und fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Meine Stimme war weg, ich konnte nicht mehr um Erbarmen flehen. Ein extrem harter Punch brachte mich schließlich endgültig zu Fall, ich blieb auf dem Betonboden liegen. Die Polizisten traten weiter mit ihren Stiefeln auf mich ein. Dann zog einer seinen Schlagstock, oder war es ein Elektroschockgerät, mit einem Schlag brannte es jedenfalls wie Feuer. Sie zerrten mich vom Boden hoch und schleiften mich in eine Ecke. Ich solle mein letztes Gebet aufsagen, befahlen sie mir, und meine Augen schließen.

„Hey! Hey!! Schau her! Schau her!!“ Einer der Männer hatte eine Handgranate in der Hand. „Kennst du das? Mach die Augen zu!“ Ich dachte, nun sei es an der Zeit, zu sterben. Das sollte wohl tatsächlich eine Hinrichtung werden. In Gedanken bat ich Gott um Schutz, Gnade und Vergebung. Sie packten mich brutal an den Armen, schleiften mich zur Mitte der Halle und zwangen mich in einer muslimischen Gebetspose auf den Boden. Mühevoll hob ich noch den Kopf und sah die Männer zurückweichen. Dann kam auch schon der Bus auf mich zu. Ich spürte den Aufprall und erinnere mich noch an den harten Sturz auf den Beton. Dann verlor ich das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich das Blut. Es kam aus der Nase und vom Kopf, der sich offen anfühlte. In meinen Ohren rauschte es, ich fühlte mich dem Tod sehr nahe. Stimmen drangen an mein Ohr, ich erinnere mich an das Wort „Fluchtversuch“. Sie schienen sich abzusprechen. Einer von ihnen berührte meine Nase und meine Brust, wohl um zu prüfen, ob ich schon tot war oder noch im Sterben lag. Dann hoben sie mich hoch und trugen mich zum Bus, einer hielt meine Beine fest, ein anderer meinen Oberkörper. Sie schoben mich zwischen die Sitzbänke auf den Boden. Ich gab keine Lebenszeichen von mir, doch ich konnte alles spüren. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, und ich dachte, nun sei wohl die Seele dabei, meinen Körper zu verlassen. Der Fahrer startete den Motor, wir fuhren los. C. stellte seine Füße auf mich. Ich röchelte kurz, das Atmen tat entsetzlich weh. Dann flüsterte ich langsam: „Ich sterbe. Ich brauche Hilfe, bitte bringt mich in ein Spital.“ Die Überraschung im Bus war groß. „Er lebt, unglaublich! Fahr schneller, es ist besser er stirbt im Spital!“ Die Männer wurden hektisch, es staute auf den Straßen, da half kein Blaulicht. Kurz vor dem AKH hielten sie an und lockerten meine Fesseln.

 

Wir fuhren zum Eingang der Intensivstation. Sanitäter holten mich aus dem Bus und legten mich auf eine Trage. Ich konnte nicht sitzen, mich kaum bewegen. Einer der beiden Beamten folgte uns, während die anderen wohl einen Parkplatz suchten. Ich wurde zur Notaufnahme gebracht, Ärzte und Krankenschwestern versammelten sich um mich. Ich sei hier mit Polizisten, stammelte ich, die mich gefoltert und brutal zusammengeschlagen hätten. Wie bei einer Scheinhinrichtung hätte man mich mit dem Polizeibus umgefahren. Die Umstehenden schauten ungläubig. Ich konnte nichts sehen, Kiefer, Lippen, Zunge und Mund gehorchten mir kaum. Ich bräuchte sofortige medizinische Hilfe, alle meine Knochen seien bestimmt gebrochen, überall hätte ich Schmerzen, am Kopf, am Hals, in den Augen, am Rücken, am Bauch, an den Beinen. Ich dachte, ich sterbe, ich schrie und bettelte um Hilfe. Ich flehte sie an, sie mögen diese Männer nicht mehr in meine Nähe lassen, ich hätte Angst um mein Leben.

Sie brachten mich aus der Notaufnahme und ließen mich lange Zeit am Gang liegen. Die Polizisten erzählten währenddessen die Geschichte aus ihrer Sicht. Irgendwann kam eine Ärztin zu mir und fragte, wo es denn weh tue. Ich zählte ihr alles noch einmal auf. Sie hielt meinen Kopf und schüttelte mein Polster auf. Etwas später kam ein Arzt, der mir eine Tetanusspritze und eine Schmerztablette gab. Dann brachten sie mich zum Röntgenraum. Wieder die Frage, wo ich denn Schmerzen hätte. Überall, antwortete ich ihr. Das sei unmöglich, gab sie zurück, sie würde nur Bilder von meinem Hals und den Schultern machen. Schließlich brachte sie mir eine Halskrause, legte sie mir um den Hals und ermahnte mich, sie nicht abzunehmen, ohne zuvor einen weiteren Arzt zu konsultieren.

Die Polizisten schienen gut gelaunt. Sie dachten wohl, dass sie gewonnen hatten. C. fragte zweimal nach, ob sie mich wirklich nicht aufnehmen würden. Die Ärztin sagte zu mir: „Sie sind entlassen, die Gefängnisärzte werden die Behandlung fortsetzen.“ Sie möge mir das nicht antun, schrie ich nun aus Leibeskräften. Sowohl die Polizisten als auch die Schwestern brachen in Gelächter aus. Meine Peiniger selbst schoben mich im Krankenhausbett in den Lift. C. beugte sich herunter zu mir und raunte: „Wenn du uns anzeigst, wirst du sehr viel Geld brauchen, das du nicht hast. Du wirst einen sehr guten Anwalt brauchen, und kein Anwalt wird das Risiko eingehen, gegen die Polizei zu arbeiten.“ Wenn ich die Geschichte irgendjemandem erzählen würde, sei ich schon bald ein toter Mann. Sie schoben mich weiter zum Polizeibus, zerrten mich vom Bett und legten mich wieder zwischen die Sitzbänke. Ich schrie vor Schmerzen. C. zog seine braune Lederjacke aus und entfernte die Blutflecken auf der Jacke mit Wasser aus einer Plastikflasche. „Das war erst der Anfang. Heute wirst du verstehen, dass wir die Polizei sind.“

Wir fuhren los. Nach einer Zeit zog mich Christian C. an der Halskrause nach oben. Ich sah, dass wir uns irgendwo auf dem Gürtel befanden. Er riss mir den Nackenschutz vom Hals, öffnete das Fenster und schleuderte ihn auf die Straße. „Geh und stirb in deiner Zelle.“ Ich glaubte zu ersticken, die Schmerzen waren unerträglich. Wieder flehte ich um Gnade. Doch C. äffte mich nur nach, und alle lachten.

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Kapitel 2

Im Polizeianhaltezentrum wurden wir bereits erwartet. Die Eingangstür stand offen, einige Beamte standen bereit. Es wirkte, als wäre ich ein großer Terrorist, der irgendwo in der Stadt eine Bombe zünden wollte. Als hätte ich alle Menschen in Österreich bedroht, dabei hatte ich überhaupt kein Verbrechen begangen. Die Sicherheitsmaßnahmen im PAZ waren verschärft worden, und alles war bereits vorbereitet, als sie mich aus dem Polizeibus zerrten. Fünf Polizisten standen beim Bus, andere in Alarmbereitschaft in anderen Positionen. Ich weinte und jammerte, aber keiner hörte zu. „Du bist ein Neger.“ Ich lag flach auf dem Boden. Ein Polizist befahl mir zu kriechen, wenn ich nicht gehen oder aufstehen könne. Dann zerrten sie mich an der Anmeldung vorbei. Einer der Männer hielt die Tür auf und schrie mich an: „Beweg dich!“ Ich streckte meine Arme hoch und begann erneut zu flehen. Einer zerrte mich hoch, ein anderer hielt meine Hände fest, einer stand hinter mir und trat nach mir. Ich konnte nicht gerade stehen, aber sie hielten mich fest und zerrten mich gnadenlos die Stiegen hinunter, bis wir zu einer Zelle kamen, die speziell für mich vorbereitet worden war. Die Zellentür stand offen. Sie stießen mich in diesen ekelerregenden, schmutzigen Käfig. Sondersicherheitszone. Sie lachten, verließen den kleinen Raum, die schwere Eisentür schlug zu. Bang!

Die Zelle sah aus, als hätte sie seit vielen Monaten kein menschliches Wesen betreten. Spinnweben, Staub, Gestank. Eineinhalb Stunden später öffnete ein ranghoher Polizeibeamter des Gefängnisses in Begleitung von vier Polizisten die Zellentür. Sie begannen, mich zu durchsuchen, nahmen alles aus meinen Taschen, was sie finden konnten. Der hohe Beamte stand daneben und wies mich darauf hin, dass ich ein sehr, sehr schwerwiegendes Verbrechen begangen hätte. Bis auf weiteres müsse ich in dieser Zelle bleiben. Ich begann zu schreien, bettelte ihn darum an, einen Arzt sehen zu dürfen. Das läge im Ermessen des Arztes, ob er mich an diesem Tag noch sehen wolle oder nicht. Er glaube aber, für heute sei es schon zu spät. Außerdem hätte ich das gar nicht verdient.

Ich beteuerte meine Unschuld. Was auch immer er über mich gehört habe: Polizisten hatten versucht, mich umzubringen, mich brutal zusammengeschlagen und gefoltert und mich schließlich mit ihrem Polizeibus in einer alten Lagerhalle am Handelskai angefahren. Ich sei verrückt, fuhr er mich böse an. Dann gingen sie, und wieder hallte der Schlag der Eisentür in meinem vor Schmerz pochenden Kopf nach.

An diesem Tag hatte ein Polizist Dienst, der Mitleid mit mir hatte. Er kam zu mir in die Zelle, um persönlich herauszufinden, welches Verbrechen ich begangen hatte. Als er mir zuhörte, kamen ihm die Tränen, und er versprach, mir eine Telefonkarte zu besorgen. Damit ich meine Frau informieren konnte, wenn ich denn wirklich verheiratet war.

Ich weinte und schrie den ganzen Tag lang. Ich kroch durch die Zelle und drückte mehrmals auf den Alarmknopf. Ein einziges Mal sahen die Beamten nach mir. Ich verlangte nach einem Arzt, sie antworteten, zu dieser Stunde sei keiner im Haus. Einige Polizisten standen draußen am Gang und schauten herein, lachten, gingen weiter. Als ich wieder auf den Alarmknopf drückte, schalteten sie irgendwann die Sprechanlage aus. Drei Beamte kamen herein, sie wirkten verärgert. Endlich schleppten sie mich zum Amtsarzt.

Fast zehn Polizisten befanden sich in dem Raum, in den sie mich brachten. Meine Folterer standen direkt neben dem Amtsarzt, sie sprachen und lachten miteinander, vor allem als sie mich sahen. Als hätten sie einen lustigen Geist gesehen. Der Amtsarzt stellte mir keine einzige Frage. Man solle mich in die Zelle zurückzubringen. Sie hatten mich also nur zum Amtsarzt gebracht, um sich über mich lustig zu machen. Mein Weinen machte die Dinge nur schlimmer.

 

Es gab kein Wasser in der Zelle. Ich bat um etwas zu trinken, aber sie gaben mir nichts. Stattdessen fragten sie, wie lange ich noch bräuchte, um zu sterben. Der Tag verging ohne Wasser, Medikamente oder Essen. An Essen war aber ohnehin nicht zu denken. Ich fühlte mich zwischen Leben und Tod, mein Kopf platzte fast vor Schmerzen, mein ganzer Körper war ein einziger Schmerz. Es war, als würde ich meinen eigenen Tod in der Realität mitverfolgen.

Die Kellerzelle maß zirka fünf Quadratmeter, das Licht brannte 24 Stunden am Tag. Das Fenster war geschlossen, es gab keine Lüftung. Ein Bett aus Beton hing an der Wand, darauf eine Matratze, fünf Zentimeter dick, überzogen mit schwarzem Kunstleder. Eine schmutzige alte Decke, ein dreckiges Klo, mehr gab es nicht. Ich wusste nicht, ob es Tag oder Nacht war und konnte mich noch immer kaum bewegen. Alles verursachte unsagbare Schmerzen, von Kopf bis Fuß. Eine halbe Stunde brauchte ich, um meinen Pullover auszuziehen und ihn um meinen Hals zu wickeln, um den Kopf zu stabilisieren. Langsam und vorsichtig faltete ich die Decke zusammen und stützte damit meinen Oberkörper. Ich legte mich auf den Rücken, die Hände seitlich vom Körper. Die Schmerzen verschlimmerten sich in der Nacht, und ich hatte Schwierigkeiten, durch die Nase zu atmen. Ich weinte und bat in Gedanken Gott um Erlösung.

Immer wieder hörte ich das Klirren der Schlüssel, und irgendwann dachte ich, sie würden kommen, um ihren Auftrag zu Ende zu bringen. Doch irgendwann ging die Zellentür auf, jemand stellte Tee und zwei Semmeln vor mich auf den Boden. Ich könne vor Schmerzen nicht einmal meinen Mund aufmachen, um zu essen, sagte ich. Außerdem sei ich kein Tier, das vom Boden isst. Ich bräuchte nur einen Arzt oder müsse ins Spital, sonst nichts. Der Beamte versprach mir, den Arzt zu informieren. Ich solle nicht weinen, sagte er und fragte, ob ich mich an ihn erinnern könne. Ich wusste, es war der nette Polizist, der mir eine Telefonwertkarte versprochen hatte. Er brachte mir auch ein bisschen Wasser. Später ging er mit mir zum Arzt, doch dieser schickte mich wieder weg. Ich war völlig verzweifelt, so sehr wünschte ich mir, von ihm behandelt zu werden. Doch alles Weinen und Bitten half nichts.

Der freundliche Beamte brachte mich in meine Zelle zurück. Dann gab er mir ein Telefon. Ich konnte meine Frau nicht erreichen, also versuchte ich es bei ihrer Großmutter, die zum Glück abhob. Sie solle meiner Frau ausrichten, dass ich im PAZ am Hernalser Gürtel und fast tot sei. Polizisten hätten mich in einer Lagerhalle gefoltert und mit ihrem Bus angefahren. Die alte Frau war außer sich. Alle würden sich Sorgen um mich machen, meine Frau hätte einige Leute kontaktiert, aber keiner wusste, wo ich war. Dann habe sie einen Anruf erhalten, jemand hätte mich in einem Polizeibus am Wiener Flughafen gesehen. Sie seien dort hingefahren, hätten mich aber nicht gefunden. Bevor ich berichten konnte, was passiert war, riss die Verbindung ab.

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Kapitel 3

Der Beamte versprach mir, er würde ein Treffen mit meiner Frau ermöglichen. Vielleicht hat sich dieser Polizist einem Befehl widersetzt, um das zu organisieren. Später kam er zu mir und sagte, meine Familie sei da. Er begleitete mich zum Besuchszimmer und entfernte sich. Ich habe diesen Mann nach meinem Aufenthalt im PAZ nie wieder gesehen. Wo immer er sein mag, ihm gebührt mein Dank.

Als ich mich meiner Frau und meinen Kindern näherte, brachen sie in Tränen aus. Es tat mir so leid, dass mein Sohn und meine Tochter mich so sehen mussten. Sie weinten und schrien. Meine Frau schickte sie raus zu unserem Freund, in dessen Begleitung sie gekommen war. Unser Treffen war sehr schmerzhaft und emotional, und ich erklärte ihr in aller Kürze, was passiert war. Sie machte Fotos mit ihrem Handy, ging kurz raus, holte das Handy unseres Freundes und machte noch ein paar Fotos. Dann rief sie sofort einen Anwalt und ihre Eltern an.

Ich sagte, ich könne einen Plan der Route aufzeichnen, die wir gefahren waren. Wenn der diensthabende Polizist es erlauben würde. Damit sie die Lagerhalle schnell finden könnten, falls ich bald sterben sollte. Auch mein Notizbüchlein würden sie dort finden, ich hatte es dort in eine Ecke geworfen. Ich sagte zu meiner Frau, dass das unser letztes Gespräch sein könnte, und sie solle sich gut um unsere Kinder kümmern. Ich sagte ihr, dass ich sie liebe und dass Gott sie führen und ihr helfen werde. Wir weinten, und die meisten neugierigen Besucher hatten selber Tränen in den Augen. Am Ende der Besuchszeit versuchten die Beamten, Probleme zu machen wegen der Fotos. Aber es war zu spät, meine Frau hatte schon, was sie wollte.

Später bat ich den netten Polizisten um einen Kugelschreiber und Papier. Langsam skizzierte ich einen Plan unserer Route bis zur Lagerhalle. Ich wollte ein Gedächtnisprotokoll anfertigen und begann, die Aussagen der Polizisten niederzuschreiben. Ein anderer Beamter beobachtete mich durchs Guckloch, nahm mir den Kugelschreiber weg und drohte, das Papier zu verbrennen.

Auch dieser Tag verging ohne Medikamente, ich trank nur vier kleine Plastikbecher Wasser. Das war Tag zwei, Samstag, der 8. April.

Der Sonntag unterschied sich in den ersten Stunden nicht von den anderen Tagen im Keller. Nur waren die Schmerzen noch schlimmer als zuvor. Am meisten quälten mich Kopf, Augen, Hals, Mund, Nase, Bauch, Brust. Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich ein bisschen Suppe zu mir nehmen. Ich trank sie direkt aus einer kleinen Schüssel. Löffel durfte ich keinen verwenden, ich musste aus meiner schmutzigen Hand essen oder direkt mit dem Mund, wie ein Hund.

 

Zu Mittag ging die Zellentür auf, und mein Anwalt stand vor mir. Er hatte seinen Urlaub in Italien unterbrochen, um mir beizustehen und mein Leben zu retten. Ich erzählte ihm, dass ich keinen Arzt sehen durfte. Ich zeigte ihm die Folterspuren, und er versprach, einige Dinge würden sich schon bald verbessern. Auch informierte er mich darüber, dass mich einige Mitarbeiter des Büros für interne Angelegenheiten besuchen würden und versprach, morgen wiederzukommen. Inständig hoffte ich, dass mir nichts Tragisches zustößt, bevor ich alles erzählen konnte.

Die Haut um die Stirn bis hinunter zum Auge begann sich abzulösen. Die Verletzungen an dieser Stelle hatte ich davon getragen, als sie versucht hatten, mich mit dem Polizeibus zu überfahren. Die Nacht verging ohne Schlaf und ohne Medikamente. Tatsächlich konnte ich während der sieben Tage meiner Einzelhaft im Keller kaum ein Auge zu tun.

Wie üblich öffneten am Montag morgen die Polizisten meine Zellentür, und ich verlangte wie jeden Tag nach einem Arzt. „Der Arzt will dich nicht sehen.“ Irgendwann würde die Wahrheit ans Licht kommen, gab ich zurück.  Die Wahrheit sei schon jetzt bekannt, lachten die Beamten und schlugen die Tür zu. Sie machten sich gar keine Mühe mehr, mir Essen zu bringen. Ich konnte ja ohnehin kaum etwas zu mir nehmen, schon gar keine feste Nahrung. Mein Mund war blutig und geschwollen.

 

Gegen 10.45 Uhr wurde meine Zellentür wieder geöffnet. „Einige Leute wollen dich sehen“, sagte der Beamte und zeigte auf eine kleine Gruppe von Männern am Gang. Ich folgte ihnen langsam und mit Argwohn zu einem Büro in der Besucherzone. Ich brauche keine Angst zu haben, sagten sie und stellten sich als Beamte vom Büro für interne Angelegenheiten vor. Sie wollten wissen, was am 7. April passiert war. Ich erzählte ihnen alles, woran ich mich zu diesem Zeitpunkt erinnern konnte. Anfangs hatte ich Angst, die Männer wären gekommen, um mich umzubringen. Mein Leben hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits für immer verändert, es würde nie mehr dasselbe sein.

Später gingen wir in ein anderes Büro, wo ich meine Aussagen vervollständigte. Ich hatte Mut gefasst und schlug vor, ihnen die Lagerhalle zu zeigen. Ich erzählte ihnen auch, dass ich keinerlei medizinische Behandlung erhalten hatte, trotz meines fürchterlichen Zustandes. Nach der Befragung wurde ich zu einer Ärztin gebracht. Sie schien mir wirklich helfen zu wollen, aber einer der Pfleger mischte sich derart ein, dass sie ihre Arbeit nicht wirklich machen konnte. Dieser Mann gab mir keine Chance, irgendetwas zu erklären. Ich jammerte und bettelte, bis mir die Ärztin eine Salbe auf meinen Hals und meinen Rücken aufgetragen und eine Schmerztablette gegeben hatte. Sie sagte, am Abend würde ich noch andere Medikamente bekommen, doch niemand gab mir welche.

Am Dienstag, dem fünften Tag, wurde ich informiert, einige Beamte der internen Ermittlung seien auf dem Weg hierher. Sie würden mit mir zur Lagerhalle fahren, ich solle mich fertig machen. Ich bestand darauf, meine Frau anzurufen, was sie mir auch erlaubten. Ich vereinbarte mit ihr, sie solle zu uns stoßen und erklärte ihr den Weg. Dann folgte ich den Beamten hinunter zur Anmeldung, sie holten Handschellen und eine Fußkette. Die Hände wurden mir gefesselt, das mit den Füßen ließen sie zum Glück bleiben, die Kette nahmen sie aber mit. Jeglicher Fluchtversuch würde schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, warnten sie mich. Auch ohne Handschellen würde ich ihnen nicht weglaufen, antwortete ich. Ich hatte niemals weglaufen wollen, die Polizisten seien Lügner, wenn sie je etwas anderes behauptet hätten.

 

„Das ist die Halle!“ Es hatte eine Zeit lang gedauert, bis ich das Tor identifiziert hatte. Plakate waren darüber geklebt worden. Die Beamten parkten den Wagen auf dem Gehsteig und stiegen aus. Sie machten ein paar Aufnahmen von dem Tor und versuchten, es zu öffnen. Doch es war versperrt. Wir setzten ein Stück zurück zum Hintereingang. Dort lag zerbrochenes Glas, die Tür war offen. Wir betraten das Gebäude, ich taumelte eher, das Gehen war schwierig mit den gefesselten Händen am Rücken. Außerdem tat mir alles weh.

Alles war nass, der Raum war vollständig mit Wasser geflutet worden. Auf dem Boden waren klar Autospuren zu erkennen. Waren meine Folterer noch einmal hier gewesen?  Um alle Blutspuren zu beseitigen und Gegenstände, die mir aus den Hosentaschen gefallen waren, einzusammeln? Das hier war doch eindeutig. Ich zeigte den Beamten die Ecke, in die ich mein Notizbüchlein geworfen hatte. Und die Stelle, wo sie mir befahlen, mein letztes Gebet aufzusagen. Wo ich kniete, als der Polizeibus auf mich zufuhr.

Verkohlte Metallteile lagen herum, die Glastüren waren zerbrochen. Niemand schien sich hier wohlzufühlen, doch wir gingen weiter. Über einem Tisch in einer Ecke hing eine brennende Glühbirne, elektrische Geräte lagen auf dem Tisch. Die Polizisten bewegten sich vorsichtig vorwärts und rückwärts. „Ist da jemand? Ist da jemand??“ Niemand antwortete. Sie hielten ihre Pistolen schussbereit. Schließlich forderten sie Verstärkung an, bald darauf kamen zwei weitere uniformierte, bewaffnete Polizisten. Doch nichts rührte sich an diesem verdammten Ort. Alles wurde fotografiert, auch der Parkplatz vor der Halle. Dort warteten bereits meine Frau und ihre Großmutter, ich war unendlich froh, die beiden zu sehen. Ich stellte meine Frau den Polizisten vor. Sie baten sie, ihnen die Fotos zu mailen, die sie mit dem Handy gemacht hatte. Es erleichterte mich zu wissen, dass im Falle meines Todes meine Frau von der Halle wissen würde.

Zurück im PAZ brachte mir ein Beamter eine gelbliche Flüssigkeit in einem Plastikbecher. Ich weigerte mich. Er meinte, das sei ein sehr gutes Schmerzmittel. Doch ich erwiderte, lieber würde ich heute Nacht an meinen Schmerzen sterben, als ein undefinierbares Medikament zu schlucken.

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Kapitel 4

Mittwoch, Tag sechs. Meine Frau und mein Anwalt hatten durchgesetzt, dass sie mich ins AKH bringen. Vier Polizisten vom PAZ begleiteten mich in einem speziellen Häftlings-Transporter, einem Wagen ohne Fenster, mit einer kleinen Ventilationsvorrichtung. Den Beamten war eingeschärft worden, sehr wachsam zu sein. Sie hatten Pistolen und Gassprays dabei. Ich hatte Handschellen angelegt bekommen und wurde an beiden Seiten von je einem Polizisten festgehalten. Einer saß hinter einer Glaswand im Inneren des Wagens und sah mich die ganze Zeit unverwandt an.

Ich bin sicher, die anderen Patienten dachten, ich sei einer dieser Al-Kaida-Terroristen, gesucht von den USA oder Großbritannien. Alle starrten sie mich an. Drei Beamte gingen mit mir, einer von ihnen, ein älterer, schien mir nicht gerade wohlgesonnen. Als wir vom Arzt aufgerufen wurden und ich bat, ihn unter vier Augen sprechen zu dürfen, bestand er darauf, dass aus Sicherheitsgründen alle anwesend sein müssten. Der Arzt war damit einverstanden.

Ich erzählte ihm von meinen starken Schmerzen. Sagte ihm auch, dass ich das Gefühl hatte, mein Hals sei gebrochen, weil ich meinen Kopf nicht drehen konnte. Ich berichtete, wie ein Polizist die Halskrause gewaltsam entfernt und auf die Straße geworfen hatte, an dem Tag, als ich hier entlassen wurde. An dem Tag, an dem ich offenbar sterben sollte. Der Arzt wollte mir eine andere Halskrause geben, doch der alte Polizist war dagegen. Er könne nicht gegen die Anweisungen des Polizisten handeln, sagte der Doktor. Ich begann zu weinen, schilderte ihm, wie ich meinen Pullover um den Hals herum trug, um den Kopf zu stützen. Er könne nichts unternehmen, wenn der Polizist dagegen sei, gab er hilflos zurück. Er gab mir noch ein paar Tabletten, dann verließen wir das Spital.

 

Kurz nach unserer Rückkehr wurde ich einem Arzt von Dialog vorgeführt. Ich erinnere mich gut an ihn. Die Beamten wollten unbedingt anwesend sein, doch er weigerte sich und bestand darauf, mit mir allein zu sprechen. Ich erzählte ihm alles. Wie ich in der Lagerhalle in der Gewalt der Polizisten dem Tod ins Auge gesehen hatte. Wie sie mich absichtlich mit einem Polizeibus angefahren hatten, um mich umzubringen. Dass ich bisher keine ernsthafte medizinische Hilfe erhalten hatte. Der Arzt war schockiert. Er sprach laut und emotional und reichte mir ein Taschentuch, um meine Tränen zu trocknen. Er versprach, mit dem Amtsarzt darüber zu sprechen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass hier jemand begriff. Zurück in der Zelle bat ich den diensthabenden Polizisten, ein Bad nehmen zu dürfen. Er gab mir fünf Minuten. Das Wasser färbte sich sogleich schwarz vom Dreck, es war das erste Mal, dass ich mich waschen durfte. 

Donnerstag, Tag sieben im Keller. Wie üblich öffnete sich meine Zellentür, ich bekam Tee und trank ein wenig davon. Dann brachten sie mich erneut zum Arzt von Dialog. Wieder weinte ich und klagte über anhaltende Schmerzen. Er gab sein Bestes, um mich zu beruhigen und versprach, alles in seiner Macht stehende zu tun. Wieder durfte ich anschließend duschen, dann ging es zurück in den Keller. Ob ich wohl ein wenig Körpercreme haben könnte, fragte ich den Beamten. „Ich bin nicht die Caritas!“ Laut knallte die Tür ins Schloss.

 

Ich wickelte den Pullover um meinen Hals und legte mich auf die Pritsche. Ein neuer Weinkrampf stieg in mir auf. Und Zorn. Und dann begann ich zu brüllen. Nach einer Zeit ging die Tür auf, und der hohe Beamte, der meine Einzelhaft im Keller angeordnet hatte, stand in der Zelle. Warum ich hier rumschreie?

Dass er mich seit einer Woche unter unmenschlichen, dreckigen Bedingungen in Isolation festhalten würde, brüllte ich zurück. Ohne mir mitzuteilen, welches Verbrechen ich begangen hatte. Dass er mich hier sterben ließ, ohne auch nur einen einzigen Grund, und dass er niemals den Versuch unternommen hatte, mich anzuhören. Ob es denn im PAZ keine Gesetze gäbe, die Häftlinge vor willkürlichen Angriffen und unmenschlichen Haftbedingungen schützen würden? Konnte er denn nicht sehen, was ich durchmachte? Was würde seine Anstalt meiner Familie oder auch dem Gericht erklären, wenn ich sterben würde? Ich könne nicht schlafen, bekäme kein normales Essen, zu wenig Wasser, hätte so gerne eine Zahnbürste, und außerdem sei ich ein Opfer von Lügen. Ob er nicht zweimal nachdenken konnte, bevor er mich in solch eine Zelle steckte? Ob er denn nicht sehen könne, dass ich schwer verletzt sei und dringend medizinische Behandlung brauchte? Jedes Recht sei mir verweigert worden, von elementarer medizinischer Versorgung bis hin zu geringsten menschlichen Bedürfnissen. Was denn der Grund dafür sei, dass Menschen hier wie Tiere in Käfige gesperrt und ohne das Wissen zivilisierter Bürger dieses Landes misshandelt würden? Dass er ohne Gefängnisse keinen Job hätte, also sollten er und seine Kollegen uns freundlich und gütig behandeln. Und jetzt solle er gefälligst verschwinden.

Es täte ihm sehr leid, gab der Beamte zurück, er hätte bereits meine Verlegung angeordnet. Mit welchen Menschen ich gerne in einer Zelle wäre? Er möge mich zu Nr. 208 bringen, im zweiten Stock, gab ich zurück. Dort waren meine eigenen Leute. Die Zelle sei voll, aber er hätte eine andere, Nr. 302, drei Schwarze, ein Afghane und ein Albaner. Er erlaubte mir, meine Frau und meinen Anwalt anzurufen, dann brachten sie mich in den dritten Stock. Ich bekam Bettwäsche, ein Kopfpolster, eine frische Decke, Teller, Servietten und Besteck. Sie halfen mir, mein Bett zu machen, und einer von ihnen gab mir einen Liter Milch zu trinken. Meine neuen Mithäftlinge waren sehr neugierig. Was denn passiert sei, wollten sie wissen, doch ich erzählte nicht viel. Immer noch hatte ich Angst, sie könnten versuchen, mich zu vergiften und mich vor meinen schwarzen Brüdern sterben lassen.

 

Mein Kopf fühlte sich schwer an und schmerzte, ich fühlte mich wie ein Geist, alles um mich herum war neu und seltsam. Ich schien mich gedanklich in einer anderen Welt zu befinden. Wenn ich versuchte, mich auf etwas zu konzentrieren, hatte ich das Gefühl, fünf Kilogramm Gewicht auf meinem Kopf zu tragen und in Flammen zu explodieren. Wenn ich versuchte, meine Augen zu schließen, sah ich diese Polizisten, die mich verfolgten. Ich sah, wie sie mit jemandem sprachen, der ihnen Geld anbot. Um mich umzubringen, bevor ihre Lügen an die Öffentlichkeit kommen würden. Ich sah nur noch Menschen um mich, die mich töten wollten, hatte Panikattacken. Hatten die Polizisten in der Lagerhalle nicht gesagt, sie hätten Befehl von ganz oben? Vielleicht wollten sie mich nun auf eine elegantere Art und Weise beseitigen? Ich erwartete jederzeit das Unvermeidliche.

Wie üblich wickelte ich meinen Pullover um meinen Hals, bevor ich mich hinlegte. Das tat ich die ganze Zeit über, während meiner Haft im PAZ. Sie mögen mir Ruhe gönnen, bat ich meine Zellengenossen, weil ich starke Schmerzen hatte und mir Sorge machte. Zwei Polizisten vom Gefängnis gaben mir später vierzig Euro für die Kantine, und am Abend erhielt ich einige Tabletten.

 

Freitag, Tag acht, 14. April 2006. Um halb sieben in der Früh betraten zwei Beamte unsere Zelle und begrüßten uns. Niemand antwortete. Was denn los sei, fragten sie nach. Sie hätten hier eine sterbende Person zu ihnen gelegt, antwortete ein älterer Afrikaner, und zeigte auf mich. Sie sollten mich sofort ins Spital bringen oder jedenfalls raus aus ihrer Zelle. Die Polizisten kamen näher, betrachteten mich und gingen wieder. Die Wunden auf meiner Stirn und in meinem Gesicht waren am Verheilen, doch sie sahen furchtbar aus.  Ich solle mich für einen Arztbesuch bereit machen, sagte der Beamte, der uns später das Frühstück brachte.

Gemeinsam mit zwanzig anderen Häftlingen, die sich im Hungerstreik befanden, wurde ich zum Arzt gebracht. Es war ein sehr seltsamer Anblick - Häftlinge, aufgereiht wie eine Tierherde, zusammengepfercht in einem kleinen Wartezimmer. Ich wurde als erster aufgerufen. Der Doktor bat mich, alles zu erklären, von Angesicht zu Angesicht, ohne Störung von außen. Ich weinte und bettelte ihn an, mir mehr und vor allem stärkere Schmerzmittel zu geben und erzählte ihm, was geschehen war. Er versprach, mich ans AKH zu überweisen, doch der diensthabende Polizist hielt ihn davon ab.

Später hatte ich auch noch ein Gespräch bei Dialog. Dort sagte man mir, die Medien würden bereits über meinen Fall berichteten. Deshalb hatte der Amtsarzt wohl mehr Interesse und Hilfsbereitschaft an den Tag gelegt, dachte ich bei mir. Ich gab einem Mithäftling ein bisschen Geld, damit er mir Milch, Joghurt, Tee und Zucker kaufte. Zu Mittag kam das Essen, meine Kollegen nahmen es für mich entgegen. Ich saß mit ihnen am Tisch und aß ein wenig Suppe mit einem Löffel. Im Keller war das nicht möglich gewesen.

Am Abend erzählte ich ihnen meine Geschichte. Während ich sprach, vergossen zwei der Männer Tränen. Alle beteten für meine rasche Genesung. Und auch für eine öffentliche Verurteilung und Bestrafung der Schuldigen. Der restliche Tag verging ruhig. Am Abend brachte mir ein Pfleger einige Schmerzmittel, Antidepressiva und Schlafmittel. Diese Medikamente halfen nicht besonders, die Schmerzen waren bereits Teil meines Lebens geworden.

Als meine Frau mich am Samstagnachmittag besuchte, war sie voller Angst um mich. Wieder weinten wir beide und dachten, das könnte unsere letzte Begegnung sein. Erneut machte sie Fotos mit dem Handy. Ein heftiger Streit mit einem Beamten beendete unser Treffen. Ich war sicher, das war es nun, ich würde meine Familie nie wieder sehen. Bis heute gehen mir diese Momente nicht aus dem Kopf.

 

Viele Häftlinge, die ein Fernsehgerät in der Zelle hatten, erzählten mir, dass die Nachrichten über meinen Fall berichten würden. Ein Beamter brachte mir eine Zeitung, in der mein Foto abgebildet war. Meine Frau war mit meinem Foto und meinen Berichten an die Öffentlichkeit gegangen und rettete mir so das Leben.

Als sie mich damals das erste Mal im PAZ besucht und fotografiert hatte, ging sie mit den Bildern in der ersten Panik zur Kronen Zeitung. Sie hatte gedacht, man würde ihr dort helfen. Doch die Zeitung reagierte zögerlich, weil sie noch bei keiner Behörde Beschwerde eingelegt hatte. Noch am gleichen Tag zeigte sie die Polizisten daher an. Es war jedoch der Falter, der meine Geschichte schließlich aufdeckte. Die Kronen Zeitung hat nie fair über mich berichtet, all die Jahre nicht.

Diese negative Propaganda hat viele Menschen in diesem Land nicht davon abgehalten, mich zu unterstützen und diesen barbarischen und unmenschlichen Akt zu verurteilen. Diese Leute haben gezeigt, dass Folter und außergerichtliche Maßnahmen in einer zivilisierten Gesellschaft nicht willkommen sind. Organisationen, Privatpersonen und einige Politiker im In- und Ausland haben meiner Familie Unterstützung und Solidarität entgegengebracht. Und ich erinnere mich noch gut an eine alte Dame, die bei meinem Anwalt nach mir fragte, weil sie so schockiert war. Sie meinte, Österreich würde mir Hilfe und eine Entschuldigung schulden. Sie konnte es nicht glauben, dass solche Dinge heute noch in ihrem Land passieren. Und sie schickte mir 500 Euro von ihrer Pension mit der Post.

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Kapitel 5

Die Zelle Nr. 302 befand sich neben dem Raum des Hausmeisters und zwei Zellen entfernt vom Dienstzimmer. Der Abteilungsleiter war ein hoch gewachsener, gutaussehender Gentleman, der mit leiser Stimme sprach. Unsere Zelle wurde stärker bewacht als die anderen, vielleicht stand ich ja unter besonderer Beobachtung. Die Lage war jedenfalls tausendmal entspannter als in der Einzelzelle im Keller. Unsere Zelle war stets versperrt, so dass anderen Insassen uns nicht besuchen konnten. Das sei vor meiner Ankunft nicht der Fall gewesen, berichteten meine Zellkumpanen.

Am ersten Samstag in dieser Zelle brachte man mich am Morgen zum Arzt, weil ich ununterbrochen Schmerzen hatte. In freundlichem, sachlichem Tonfall machte er mir klar, dass die Schmerzen noch länger als ein Jahr dauern konnten. Vielleicht noch viel länger. Er empfahl mir, in medizinischer Behandlung zu bleiben. An diesem Tag gab es zu Mittag Gemüse, Würstchen und Hühnersuppe, das war weich genug für mich. Meine Frau kam zu Besuch, wir trafen einander im Besucherraum. Sie blieb diesmal viel länger als die offiziellen fünfzehn Minuten.

Wir wussten, dass unser Gespräch aufgezeichnet wurde, doch das war uns egal. Schließlich sprachen wir über Fakten. Endlich hatten wir Zeit, über die Ereignisse zu sprechen, über die Medien, unsere Kinder und andere wichtigen Dinge. Sie hatte ihren Job aufgeben müssen, weil die Situation für die Kinder zu schwierig geworden war. Mich in diesem Zustand zu sehen, hatte sie traumatisiert. Jedes Mal, wenn wir uns sahen, konnten wir unsere Emotionen nicht zurückhalten. Während meiner Schubhaft hat meine Frau keinen einzigen Besuchertag ausgelassen.

Sie brachte mir auch Telefonwertkarten mit, die mir manchmal weggenommen und erst nach anhaltendem Protest meinerseits zurückgegeben wurden. Einige Dinge, die sie mir brachte, wurden abgelehnt, obwohl sie bei anderen Häftlingen akzeptiert wurden.

Sie erzählte mir, dass in meinem Dorf zu Hause Trauer ausgebrochen war, nachdem meine Eltern einen Anruf erhalten hatten, ich sei in Wien von der österreichischen Polizei umgebracht worden. Der Anrufer hatte auch behauptet, eine Aufnahme meiner Leiche sei in den TV-Nachrichten gezeigt worden. Diese Gerüchte hielten sich ziemlich lang unter vielen Bekannten im In- und Ausland. Später traf ich einen alten Freund in der Schubhaft. Er erzählte mir, wie alle gedacht hatten, ich wäre schon tot, und zwei Tage lang nichts essen hatten können. Wir weinten und dankten Gott, als wir einander umarmten.

 

Ich wurde auch von einer fünfköpfigen Delegation besucht, unter der Leitung des UNO-Sonderberichterstatters für Folter. Diese Leute kamen einige Male und setzten sich für mich ein, während und auch nach der Schubhaft. Sie brachten auch einen unabhängigen Arzt mit, der mir sehr geholfen hat. Der dafür sorgte, dass ich die richtigen Medikamente und die richtige Behandlung erhielt. Ich sprach auch privat mit ihnen, ohne von der Polizei gestört zu werden. Über die Ereignisse vom 7. April und über meine gesundheitlichen Probleme. Sie waren sehr besorgt über meinen Zustand und über die Lage im Gefängnis. Diese hochrangigen Besucher machten mir Mut und Hoffnung. Mein Fall war ihnen ein Anliegen, und ich konnte meine schrecklichen Erlebnisse auch jemandem außerhalb der Familie erzählen.

Ich bekam auch Besuch von zwei Männern, die vorgaben, DNA-Proben für forensische Analysen zu sammeln. Zunächst schenkte ich ihnen keinen Glauben, ließ mich aber schließlich davon überzeugen, dass sie mir keinen Schaden zufügen wollten.

Am 10. Mai kam eine Gerichtsärztin zu mir, sie hatte ein kleines Aufnahmegerät bei sich und bat mich, alle Teile meines Körpers aufzuzählen, die mir weh taten. Sie wies mich darauf hin, dass man viele Verletzungen wegen meiner dunklen Hautfarbe nicht mit freiem Auge sehen könne. Sie stellte mir auch einige Fragen zum 7. April. Ich bin dieser Frau heute noch dankbar, denn auf ihre Initiative hin wurden weitere medizinische Untersuchungen durchgeführt.

Am nächsten Tag gegen Abend kamen drei Polizisten in Zivil zu mir in die Zelle. Sie stellten sich als Mitarbeiter der Cobra vor. In einem blauen VW-Bus brachten sie mich ins AKH, ein weiterer Cobra-Beamter wartete dort bereits. Für die Ärzte und das Pflegepersonal waren die Sicherheitsmaßnahmen ungewohnt. Die Polizisten ordneten an, alle Türen abzusperren. Dann betrat ich den Raum mit den vielen Maschinen. Während der Untersuchung im Computertomographen bewachten zwei Beamte den Eingang. Wieder fühlte ich mich wie ein gesuchter Terrorist. Nicht wie jemand, der offenbar zum Sündenbock und politischen Opfer geworden war.

Nach unserer Rückkehr ins PAZ zerrten mich zwei der Cobra-Beamten grob aus dem Polizeibus und hielten dabei meine Hände hinter dem Rücken verschränkt, obwohl sie von meinen extremen Schmerzen wussten. Einer von ihnen blieb noch, um die Befunde aus dem Krankenhaus abzuwarten.

 

Am 8. Mai, ein Monat und einen Tag danach, traf ich meine Folterer wieder. Die Verhandlungen am Landesgericht wurden auf Video aufgezeichnet. Die drei WEGA-Beamten saßen im Gerichtssaal und hörten zu, als ich sprach. Ich war zwar darauf eingestellt, die Männer wiederzusehen, doch der Schock fuhr mir in die Glieder, als ich ihre Gesichter erkannte. Ich bat die Beamten, die mich begleitet hatten, draußen zu warten. Doch einer von ihnen wollte unbedingt zuhören.

Der Richter war ein junger, gutaussehender Mann mit schöner Stimme. Er bat mich, alles zu erzählen, was am 7. April passiert war. Ich war nervös, vielleicht hatten die drei ja Pistolen unter ihren Mänteln versteckt? Ich ließ einige wichtige Punkte aus. Vor allem die Drohungen der Beamten, bevor sie schließlich zur Tat schritten. Am Ende der Verhandlung stellte mir der Staatsanwalt zwei Fragen und auch der Verteidiger.

Auf dem Weg zurück ins PAZ erzählte der Polizist, der zugehört hatte, seinen Kollegen die schockierende Geschichte, die er gehört hatte. Sie schienen alle betroffen zu sein.

 

Am 12. Mai kam ich wieder ins AKH, diesmal in Begleitung dreier Polizisten vom PAZ. Wir mussten lange auf den Doktor warten. Viele andere Patienten warteten auch, alle Aufmerksamkeit war auf mich gerichtet. Wahrscheinlich konnten die Leute nicht verstehen, warum die Polizisten die ganze Zeit auf die Handschellen starrten, während sie meine Hände hinter meinem Rücken festhielten. Eine Frau ging an uns vorbei und sagte laut: „Bringt ihn nicht um!“

Dann kamen die Ärzte, zwei Männer und eine Frau, und führten uns in den Behandlungsraum. Die Polizisten wurden nach den Aufnahmen der Computertomographie gefragt, doch sie hatten sie nicht dabei. Die Ärzte waren verärgert, ohne die Aufnahmen könnten sie nichts tun. Die Beamten telefonierten mehrmals mit dem PAZ, ohne Erfolg. Einer der Ärzte war wütend und sprach sehr offen mit den Beamten. Nach einer Weile wurden wir in sein Zimmer gerufen, nachdem er die Bilder digital eingesehen hatte.

 

In meinem Gesicht waren mehrere Knochen gebrochen, bis hinunter zum Kiefer. Ich hätte operiert werden müssen, sagte der Arzt, aber dazu war es jetzt zu spät. Ich hätte sehr, sehr viel Glück gehabt, hieß es. Das Blut aus meinem Mund sei Folge der Fraktur gewesen. Ich erzählte ihm von den anderen Schmerzen in meinem Körper, doch er sagte, er würde sich nur mit dem Gesicht beschäftigen. Nachdem er seinen Bericht geschrieben hatte, mir einige Medikamente gegeben und für die nächsten zwei, drei Wochen eine leichte Diät verschrieben hatte, schickte er uns zur Augenärztin.

Die Frau untersuchte meine Augen gründlich. Auch sie meinte, ich hätte großes Glück gehabt. Ich hätte eine Infektion, das sei auch der Grund für meine starken Schmerzen. So leid es ihr tue, aber da ich nicht rechtzeitig behandelt worden war, würde ich noch länger Probleme damit haben. Sie empfahl den Polizisten, mir sofort eine Brille zu besorgen und gab mir Augentropfen.

Auf dem Rückweg zum Gefängnisbus sagte ein älterer Beamter zu mir, ich wäre ein Idiot, wenn ich glaubte, dass ich eine Diät erhalten oder das Gefängnis mir eine Brille kaufen würde. Es wäre besser für mich, nach Afrika zurückzukehren. Es war der gleiche Mann, der bei meinem ersten Besuch im AKH vor etwa einem Monat verhindert hatte, dass ich eine neue Halskrause bekomme.

Eine Woche später bekam ich erneut hochrangigen Besuch. Es war ein Vertreter des Gambischen Hochkommissars in Begleitung des ehemaligen Präsidenten der Gambianischen Vereinigung in Österreich. Er sagte, er sei vom Generalkonsul über den Fall informiert worden. Ich könne mir der Unterstützung aller Gambier sicher sein, meine Landsleute stünden hinter mir. Sie würden den Fall sehr genau verfolgen, meine medizinische Behandlung, die Entscheidung der Gerichte, die Schadenersatzfrage und meinen zukünftigen Gesundheitszustand. Er riet mir, mich an die Gesetze zu halten.

 

Meine Mithäftlinge versuchten mir zu helfen, so gut sie konnten. Sie bereiteten Schlammpackungen für mich, mit heißen, feuchten Handtüchern und Erde, die einer von ihnen aus einem Blumenbeet genommen hatte. Sie gaben mir den Rat, um ein tägliches Bad zu bitten. Ein Arzt von Dialog machte das schließlich für mich möglich. Es gab zwar einen Pfleger, der sich darüber mokierte. Wir seien hier nicht in einem Hotel, schimpfte er, als ich ihm erklärte, die Bäder würden mir ein wenig helfen. Doch er konnte es nicht verhindern, und im Laufe der Behandlung spürte ich, dass ich langsam wieder zu Kräften kam. Die Schmerzen im Kopf, an den Schultern, an den Hüften und an den Gelenken ließen zwar nicht nach, doch zumindest lag ich nicht mehr nur auf meiner Pritsche, sondern nahm an den Gesprächen der anderen teil. Immer noch wollten sie wissen, was genau passiert war, ich hatte nie die ganze Geschichte erzählt. Stück für Stück erfuhren sie alles. Diese Menschen kannten mich kaum, dennoch weinten sie und fühlten mit mir, als hätten wir dieselben Eltern.

Der älteste Mithäftling in der Zelle war ein Mann aus Togo, ein Maschinenbauingenieur. An diesem Abend erzählt er uns von jenem Tag, als er, seine zwei Kinder und seine schwangere Frau verhaftet und in eine kleine Zelle gesperrt worden waren. Sie hatten um Asyl angesucht. Seine Frau geriet derart in Angst, dass sie eine Fehlgeburt erlitt. Die Kinder weinten die ganze Nacht. Nie zuvor war er in einem Gefängnis gewesen, es war eine absurde Situation. Er war hilflos und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Seine Familie erhielt eine temporäre Unterkunft, er selbst kam in Schubhaft. In Afrika sind Gefängnisse für richtige Kriminelle da, sagte er an diesem Abend bitter. Nicht für Menschen, die Schutz suchen.

Ich werde diesen Mann nie vergessen. Seine Geschichte hörte sich an wie ein schlechter Film. Er weinte, weil er noch nie zuvor von seiner Familie getrennt gewesen war. Er hatte keine Nacht ohne seine Frau an seiner Seite geschlafen. Sie hatte auch heftig gegen die Trennung protestiert und gesagt, sie wolle ihrem Mann überallhin folgen. Schließlich wurde er nach Italien abgeschoben.

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Kapitel 6

Es gab einen Beamten in unserem Stockwerk im PAZ, der keinen Hehl aus seiner Abneigung mir gegenüber machte. Stets versuchte er, Spannungen und Probleme unter schwarzafrikanischen Häftlingen zu erzeugen. Er war berüchtigt für seine Gemeinheiten, nutzte die Häftlinge aus, beleidigte und erniedrigte sie und nahm keinerlei Rücksicht auf unsere Rechte. Und es gab noch ein paar andere, für die er offenbar Vorbild war.

Immer wenn er Dienst in unserem Stock hatte, kam er in unsere Zelle. Manchmal drohte er, uns in den Keller zu bringen. Ich hatte zweimal ernste Probleme mit ihm und wandte mich damit sowohl an den Gefängnisdirektor als auch an die Mitarbeiter des Menschenrechtsbeirats.

Jede Woche durfte man um 40 Euro einkaufen. Jeden Sonntag vor dem Einschluss wurde nachgefragt, wer Geld für Einkäufe habe. Als besagter Beamter mit der Liste in unsere Zelle kam, gab ich als Erster meinen Namen an. Er schien es zu ignorieren. Am nächsten Tag brachte der Aufseher unseres Stockwerks das Geld und gab es an die aus, die auf der Liste standen. Mein Name war nicht darunter. Meine Kollegen protestierten und erklärten, dass ich als erster meinen Namen angegeben hätte. Der Beamte hatte meinen Namen absichtlich ausgelassen, bereits zum dritten Mal.

Ich würde doch nie Probleme bereiten, sagte ich einmal zu ihm. Er möge doch bitte mit diesen Provokationen aufhören. Er schaute mich von oben herab an und gab zurück, die Medien hätten offenbar nichts, worüber sie sonst berichten könnten. Deshalb sei meine Geschichte, die er schon nicht mehr hören könne, jeden Tag in den Zeitungen.

 

Am 29. Mai wurde ich zum Referenten vorgeladen. Unser Stockkommandant begleitete mich dorthin, zwei weitere Beamte standen schon vor der Tür. Wir warteten ungefähr zehn Minuten, dann wurde ich hereingebeten, die drei Polizisten kamen mit. In einer kleinen Kabine aus Glas saß eine dicke Frau und tippte in den Computer. Ich nahm ihr gegenüber Platz, zwischen uns eine Glasbarriere. Ein Mann stand hinter der Frau, nicht einmal sah er mich an. Er schaute zum Fenster raus, diktierte, und die Frau tippte. Dann steckte sie mir einen Zettel durch das Fenster zu, auf dem fünf Zeilen getippt waren. Ich solle unterschreiben. Worum es denn gehe, fragte ich. Darum, dass meine Haft auf zehn Monate verlängert wurde, gab sie zurück. Die Prozedur dauerte rund fünf Minuten und man brachte mich zurück in meine Zelle.

 

Am 21. Juni wandte sich ein Mithäftling an den Arzt, weil er Hautirritationen hatte. Später wurden wir alle in den ersten Stock verlegt und von den anderen Häftlingen isoliert. Angeblich hatte sich einer von uns mit Krätze infiziert, wahrscheinlich über die schmutzigen Decken. Wir erhielten eine Salbe für drei Tage und ein Bad. Den täglichen einstündigen Rundgang absolvierten wir allein, niemand wollte direkten Kontakt mit uns haben. Schnell sprach sich im ganzen Gefängnis das Gerücht herum, wir hätten uns mit einer tödlichen, epidemischen Krankheit angesteckt.

Am nächsten Tag wurden wir informiert, dass wir unsere Sachen im dritten Stock abholen müssten. Unsere frühere Zelle würde für Quarantänezwecke benötigt. Wir protestierten. Warum konnten wir nicht in unsere frühere Zelle zurück, warum nutzten sie nicht diese andere Zelle für Quarantänezwecke? Wir konnten uns tatsächlich durchsetzen, zwei Tage später kehrten wir in unsere frühere Zelle zurück. Wieder zwei Tage später wurde ich schließlich in eine Zelle gebracht, in der fast nur Gambier untergebracht waren.

Meine plötzliche Verlegung schockierte viele und enttäuschte vor allem meine Zellennachbarn. Wir befanden uns mitten in der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, ich war der Besitzer des TV-Geräts, hatte es aber schon meinen neuen Zellengenossen versprochen. Das Geschrei und Benehmen eines Neuankömmlings in meiner alten Zelle störte unsere brüderliche Atmosphäre, die lange Zeit zwischen uns geherrscht hatte. Dieser laute Bursche ersetzte den Mann aus Togo, der nach Italien abgeschoben worden war.

Ihm ist es dort übrigens besser ergangen. Seine Familie und er gelangten in eine sehr gute Unterkunft und lebten glücklich in einer Vorstadt von Mailand. Er fand auch Arbeit. Dass er es bereute, jemals nach Österreich gekommen zu sein, sagte er am Telefon. Das habe den Tod seines ungeborenen Kindes verursacht und seine Familie an den Rand des Abgrunds gebracht. Nie würden sie vergessen können, was sie durchgemacht hatten.

 

Zelle Nr. 308 war weit weg vom Dienstzimmer. Als Gambier pflegten wir unsere Kultur von Respekt vor- und Freundschaft zueinander. Ein Außenstehender hätte nicht merken können, dass wir uns nie zuvor getroffen hatten. Die Beamten schienen uns diese friedliche und verständnisvolle Atmosphäre zu neiden. Sie machten sich lustig über uns, so etwas wollten sie hier nicht haben. 

Die Burschen spielten manchmal Mensch ärgere dich nicht oder Drave bis spät in die Nacht. Das war angenehm, ihre gedämpften Stimmen begleiteten mein Dahindämmern. Ich wollte nicht alleine im Bett liegen und nachdenken müssen, immer und immer wieder. Ob ich denn sterben würde, und warum das ausgerechnet ich sein sollte.

Häufig besuchten mich Schwarze aus anderen Stockwerken und baten mich, ihnen bei ihren Asylanträgen zu helfen. Das war eine große Herausforderung. Ich konnte nicht lange sitzen, und auch das Denken verursachte starke Schmerzen. Doch meine Berufungen führten zur Freilassung mehrerer Leute, auch wenn ich manchmal zwei Tage für ein Schreiben brauchte. Die Beamten konnten nicht verstehen, warum mich so viele Menschen besuchten. Ich gab vor, Dokumente ins Deutsche zu übersetzen.

 

Das Zimmer von Dialog lag im ersten Stock, neben dem Behandlungsraum des Amtsarztes, nur durch eine Tür getrennt. Die Ärzte dort behandelten traumatisierte, mental geschädigte, misshandelte Menschen und solche, die an psychiatrischen Problemen litten. Es war ganz offensichtlich ein herausfordernder Job, zumal im PAZ die meisten von dem einen oder anderen Problem betroffen waren. Wenn die Mitarbeiter von Dialog all diese Geschichten im österreichischen Parlament erzählen könnten, würde die Schubhaft wohl von einigen überdacht werden.

Bei Dialog hörten sie uns an und gaben uns Zeit, Probleme zu erklären, ohne uns zu stressen, ohne uns Angst zu machen oder uns zu erniedrigen. Dialog-Mitarbeiter intervenierten auch mehrmals beim Amtsarzt, wenn es um gesundheitliche Probleme von Häftlingen ging. Sie konnten uns den Frieden geben, den wir so brauchten, den Mut, die Geduld, den Humor und die Freundlichkeit. Ohne Dialog wäre ich gestorben, weil die Amtsärzte sich weigerten, mich zu behandeln.

Auch die Mitarbeiter von Amnesty International und der Menschenrechtskommission standen mir in dieser Zeit sehr bei. Man konnte von ihren Gesichtern ablesen, dass unsere Haftbedingungen sie betroffen machten. Aber sie hatten keine Autorität, Entscheidungen zu treffen.

 

An einem Morgen wurde ich zur Aufnahme gerufen, ein schlanker, mittelgroßer Mann wartete dort auf mich. Er trug alte, abgetragene Jeans und gab mir mit einem Lächeln die Hand. Er stellte sich vor als Beamter der Bezirkshauptmannschaft Baden. Die BH Baden? Hatte dort nicht alles angefangen mit dem Abschiebebefehl? Ich wurde unruhig. Er würde mir nun alles erklären, sagte der Mann. Dass er am 7. April erst um 10 Uhr informiert worden sei, als bereits alles aus dem Ruder gelaufen war.

Ihm sei berichtet worden, dass auf dem Weg zum Flughafen noch alles OK gewesen war. Aber später, auf der Rückfahrt, sei dann alles schief gelaufen. Seit Jahren schon schiebe er Leute aus Österreich ab, nie hätte es auf dem Rückweg vom Flughafen ein Problem gegeben. Schubhäftlinge, die sich geweigert hätten, ins Flugzeug zu steigen, seien immer problemlos ins Gefängnis zurückgekehrt. Er glaube nicht an die Geschichte der WEGA-Beamten, sagte er offen. Auch nicht, dass ich versucht hätte, zu flüchten. Er wisse, dass an den Erklärung der Beamten etwas faul sei. Und dann meinte er noch, dass es falsch gewesen sei, die Abschiebung so rasch durchführen zu wollen. Man hätte warten müssen, bis alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft waren.

Ich hielt den Mann für unaufrichtig. Wie konnte er von der Abschiebung nichts gewusst haben, wo er sich doch offenbar in einer leitenden Position befand? Er sagte, er sei wegen eines Deals gekommen. Es seien einige Anreize für mich drin, wenn ich zustimmen würde. Und er zählte auf:

Wenn ich das Land verlassen würde, wohin auch immer, würde der Staat für sämtliche Transportkosten aufkommen; niemand würde mich begleiten, ich könne allein ausreisen; ich bekäme ein besonderes Besuchervisum, um zur Schlussverhandlung kommen zu können; sie würden mir Fahrscheine und Taschengeld zahlen; und vielleicht würde ich nach der Schlussverhandlung gar nicht zurückgeschickt werden, weil die Polizisten ja für schuldig befunden werden könnten.

Ich konnte es kaum fassen. Sie boten mir an, nach Gambia zurückzukehren, um dort zu sterben? Oder bestenfalls ein Krüppel zu bleiben, wertlos für mein Land? Mich dort von Menschen versorgen zu lassen und auf den Tod zu warten? Ich wurde zornig. Dass ich in diesem Land bleiben würde, bis der letzte Schmerz aus meinem Körper gewichen sei, sagte ich laut. Ob er persönlich diesen Deal unterstützen würde? Warum seine Behörde nicht früher ein solches Angebot gemacht habe? Was mit meiner medizinischen Behandlung sei? Warum man es so eilig hatte, jetzt, mitten in den Untersuchungen?

Er wisse es nicht, antwortete er. Aber ich solle über seinen Vorschlag nachdenken. Außerdem gäbe es im Gesetz kein unbefristetes Aufenthaltsverbot, weil alles ein Ende habe. In ein paar Jahren würde mich die Regierung bestimmt einladen, zurückzukommen und hier mit meiner Familie zu leben. Der Staat würde einen Weg finden, bis dahin meine Kinder finanziell zu unterstützen. 

Es war ein langes Gespräch, an dessen Ende ich davon überzeugt war, einen Heuchler vor mir sitzen zu haben. Er schob alles auf Politiker, die durch Anti-Ausländer-Propaganda Stimmen bekommen wollten. Das sei immer schon politische Kultur in Österreich gewesen, und bald wären Wahlen.

Ich fragte ihn noch, ob meine Abschiebung der einzige Weg sei, meine Frau und die Medien zum Schweigen zu bringen? Was er den vielen Menschen sagen wolle, die sich mit mir solidarisch erklärt hatten? Die den Fall weiterverfolgen würden, bis der Gerechtigkeit genüge getan sei? 

Tage, Wochen und Monate vergingen, in denen es angeblich intensiven Kontakt zwischen der BH Baden und dem Innenministerium gab. Offenbar wollten sie meine Abschiebung durchsetzen. Sie müssen frustriert gewesen sein wegen der Staatsanwälte, die forderten, ich solle bis zur Schlussanhörung im Land bleiben. Und bis Dialog einen umfassenden Befund über meinen Gesundheitszustand geliefert hatte.

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Kapitel 7

Am 10. Juli kamen die diensthabenden Beamten um 6.20 Uhr in unsere Zelle. Ich saß auf der Bank und schaute fern. Sie sprachen mich nicht an, und ich achtete nicht weiter auf ihre Anwesenheit. Ohne ein Wort zu sagen gingen sie wieder.  

Am Tag zuvor war ich nach Einnahme meiner Medikamente zu Mittag eingeschlafen. Im Traum hatte ich jemanden gesehen, der mich vor einer Gefahr warnte. Die Person verschwand wieder. In großer Panik wachte ich auf und erzählte meinen Kollegen von meinem Traum. Dann rief ich in Gambia an. Ein Wahrsager ließ mir ausrichten, es sei Schlimmes geplant.  Ich würde weit reisen, es würde eine Reise auf dem Landweg sein. Er riet mir, in den nächsten Tagen vorsichtig zu sein.

Alle meine Zellgenossen glaubten fest daran, Träume würden uns Zeichen geben. Ich solle meinen Traum sehr ernst zu nehmen, sagten sie. Sie dachten, ich würde vielleicht Schlaftabletten verabreicht bekommen. Damit sie mich entführen und irgendwohin mitnehmen könnten, oder vielleicht würden sie mich gleich vergiften. Am Abend kam der Pfleger, ich schluckte meine Medikamente diesmal nicht. Die ganze Nacht lag ich wach und hatte Schmerzen. Ich war wachsam, doch es passierte nichts.

Um 7.15 Uhr wurde ich ins Dienstzimmer bestellt. Dort sagte man mir, dass ich eine weite Reise machen würde, ich solle ein paar Sachen zusammenpacken. Keinen Zentimeter weit würde ich reisen, gab ich zurück. Ich erzählte meinen Mithäftlingen, was passiert war. Alle sprangen sofort aus ihren Betten. Der Wahrsager habe recht gehabt, ich dürfe keinesfalls gehen. Ich solle mich beeilen, sagten die Beamten, man würde bereits auf mich warten.

Sechs Männer standen beim Empfang vom PAZ. Der Direktor stellte sie mir als Einheit der Cobra vor. Sie waren in zivil. Es war noch ein anderer Mann mit dabei, der sich als Mitglied einer österreichischen Menschenrechts-Organisation, die ich nicht kannte, vorstellte. Er teilte mir mit, wir würden nach Innsbruck fahren, um einen speziellen Arzt zu besuchen. Meine Anwälte hätten darum gebeten, die Reise sei in meinem eigenen Interesse. Er sagte, er würde mich begleiten, zu meiner persönlichen Sicherheit. Ob denn mein Leben in Gefahr sei, fragte ich. Das wisse er nicht, ich könne aber gerne meinen Anwalt anrufen, um eine Bestätigung zu erhalten, gab er zurück und reichte mir sein Telefon. Ich lehnte dankend ab und ging zur Telefonzelle, konnte meinen Anwalt jedoch nicht erreichen. Also rief ich meine Frau an, die keine Ahnung von dieser Reise hatte. Er sagte meiner Frau nicht direkt, wer er war, denn sie kannte ihn von früheren Gelegenheiten. Wenn sie geahnt hätte, um wen es sich handelte, hätte sie nie grünes Licht für die Reise gegeben. Er sagte ihr, es ginge um eine gründliche medizinische Untersuchung, und wir würden am nächsten Tag zurückkehren. Später erzählte mein Anwalt mir, er sei per Fax über die Reise informiert worden, als ich bereits unterwegs war. Der Mann hatte mich also offen angelogen.

 

Es war nicht einfach, mich zur Zusammenarbeit zu überreden. Erst nach langwierigen Verhandlungen packte ich meine Sachen und folgte ihnen zur Aufnahme. Ich war müde, alles tat mir weh. Meine Nacht- und Morgentabletten hatte ich nicht eingenommen. Ich war nervös, hatte Angst und begann zu weinen, als ich an die Warnungen des Wahrsagers dachte. Zwei Cobra-Beamte nahmen mich mit in einen kleinen Raum, sie durchsuchten meinen Plastiksack und versicherten, sie würden mir meine Sachen nicht wegnehmen. Ein Pfleger kam wegen der Tabletten, die sie fanden, und nahm sie an sich. Ich bat, mit Dialog telefonieren zu dürfen. Nach einigem hin und her wurde mir das gestattet.

Der Arzt dort wusste nichts von der geplanten Reise, ich bat ihn wegen der konfiszierten Medikamente zu intervenieren. Die Pfleger kamen zurück mit drei Tabletten, Schmerzmittel und Antidepressiva, und einem Plastikbecher Wasser. Ich sollte die Tabletten gleich einnehmen. Der Arzt von Dialog sagte, mir würde bestimmt nichts Schlimmes zustoßen, gleich nach meiner Rückkehr würden wir uns wiedersehen.

 

In mir sträubte sich alles, die Situation drohte außer Kontrolle zu geraten. Ich musste mich enorm zusammennehmen, sie wollten mich schon fast mit Gewalt zwingen, mit ihnen zu gehen. Zum Glück kam es nicht so weit, denn vielleicht hätten sie mich umgebracht. Und dann gemeint, ich hätte Widerstand geleistet.

Wir stiegen in einen grünen VW-Bus. Der Mann von der Menschenrechts-Organisation und ich saßen in der dritten Sitzreihe. Er lächelte und schien zufrieden. Es war kurz nach neun Uhr, als wir losfuhren. Ich sprach die ganze Zeit über kein Wort. Die Beamten im Bus umso mehr, vor allem über Abschiebungen und Geschichten, die mit Schwarzafrikanern zu tun hatten. So ging es über Stunden, zwischendurch telefonierten sie.

Wir waren kurz vor Innsbruck, als der Beifahrer wieder jemanden anrief. Offenbar ging es um einen Treffpunkt. In diesem Moment hatte ich derartige Angst, dass ich fast um Hilfe geschrien hätte. All das erinnerte mich so sehr an die Situation in der Lagerhalle. Während wir warteten, fuhr ein silberfarbener VW-Bus auf uns zu, blinkte dreimal, der Fahrer drehte den Zündschlüssel und wir folgten dem Bus.

Nach kurzer Fahrt parkten wir vor einer Polizeistation, wo man mich übergab. Ich füllte ein Formular aus und unterschrieb. Dann brachte mich ein älterer Beamter in eine Zelle im zweiten Stock. In unserem kurzen Gespräch wirkte er sehr nett und erfahren. Es schien ihn ziemlich zu frustrieren, dass er noch zwei Jahre Dienst machen musste. Am liebsten würde er in Frühpension gehen, er möge seine Arbeit nicht mehr, und die Schubhaft sei überhaupt das letzte. Leider gäbe es nichts mehr zu essen, meinte er. Ich dankte ihm, an Essen war ohnehin nicht zu denken. Ich beklagte meine Schmerzen und bat ihn, einen Anruf tätigen zu dürfen. Im Erdgeschoß durfte ich telefonieren, später brachte er mir noch Medikamente.

 

Das Gefängnis war in einem furchtbaren Zustand, altmodisch und gar nicht zeitgemäß. Die Inneneinrichtung der Zelle war bestimmt seit Jahrzehnten nicht erneuert worden. In der Zelle begrüßten mich ein Albaner und ein Mann aus Guinea. Nach einer kurzen Rast hörte ich mir ihre schlimmen Geschichten an. Es waren hilflose Menschen, deren Länder durch Krieg und Blutrache erschüttert und zerstört worden waren. Der Albaner befand sich bereits seit zwei Jahren in Österreich und hatte noch immer kein Interview gehabt, nur ein Vorgespräch. Der Mann aus Guinea war verhaftet worden, weil er um politisches Asyl angesucht hatte. Auch er hatte noch kein Interview bekommen.

Am nächsten Morgen duschte ich und nahm meine Medikamente. Unsere Zelle wurde geöffnet, wir gingen hinunter zum Frühstück. Dort saß ein Beamter, der mir einen Blick zuwarf, dass ich sogleich skeptisch wurde. „Ein neuer Neger.“ Er lachte. „Schwein!“ fuhr ich ihn an. Ein Wort ergab das andere. Der Direktor selbst versuchte schließlich, den Streit zu schlichten, den der Beamte damit beendete, dass er mir einen Vogel zeigte. Der andere Polizist, mit dem ich am Abend zuvor geplaudert hatte, ignorierte seinen Kollegen und bat mich höflich darum, Decke und Bettzeug zurückzugeben und mich für unsere Abfahrt bereit zu machen.

 

Die Polizistin, die mich begleitet hatte, wartete an der Tür. Sie möge bitte draußen warten und die Tür schließen, bat die Psychiaterin. Ich beantwortete all ihre Fragen zu meiner Person, dann begann ich, meine Geschichte zu erzählen. Schon nach kurzer Zeit unterbrach sie mich. Das könne nicht sein, darüber wisse sie nichts. Sie hörte nicht wirklich zu, und schließlich meinte sie: „Heute hatten Sie ein Problem mit einem Polizisten.“ Ich runzelte die Stirn. „Er hat mich Neger genannt und ich ihn ein Schwein, das war alles.“ Dies könne wohl kaum der Grund dafür sein, dass ich hierher zu ihr gebracht worden war. Nach Innsbruck, wo mir doch ein Arzt in Wien dieselben Fragen hätte stellen können. Warum war ich also hier?

Warum? Weil mich kein Arzt in Wien behandeln wollte, da ich aggressiv und gefährlich sei. Zudem ein Drogendealer, diese Informationen hätte sie von der BH Baden erhalten. Ich wies das entschieden zurück und zeigte auf die Teile meines Körpers, an denen ich Schmerzen hatte. Weil die Polizei mich gefoltert hatte und ich mit einem Bus angefahren worden war. Sie solle unbedingt Dialog kontaktieren und mit dem Arzt dort sprechen. Sie versprach, dies später zu tun. Warum ich nicht in mein eigenes Land zurückkehren wollte, wenn ich in Österreich Angst hätte und mich unsicher fühlte? Das wäre bestimmt das Beste für alle. Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben. War diese Frau eine qualifizierte Ärztin? Oder einfach nur Rassistin? Ich fragte nach meiner medizinischen Behandlung. Doch sie stand auf und erklärte unser Gespräch, das nur wenige Minuten gedauert hatte, für beendet. Ob das wirklich alles gewesen sei, fragte ich ungläubig. Sie habe ihre Arbeit getan, gab sie zurück und brachte mich zur Tür.

Ob sie noch einen Ratschlag von mir hören wollte, fragte ich im Türrahmen. Ob sie an die Prinzipien der Demokratie glaube und an Rechtsstaatlichkeit und daran, dass vor dem Gesetz alle gleich seien? Wenn dem so sei, dann sollte sie ihren edlen Beruf nicht opfern und zulassen, in ihrer Arbeit von Leuten missbraucht zu werden, die ganz bestimmte Ziele verfolgten.

Sie hörte mir aufmerksam zu und sagte, sie würde meinen Ratschlag sehr ernst nehmen. Sie versprach, bei Dialog anzurufen, um mehr Informationen über mich zu erhalten. Wir gaben einander die Hand, und ich ging. Am Ausgang hörte ich den Mann von der Menschenrechts-Organisation zu einem Beamten sagen, ein Flug für die Abschiebung sei für Donnerstag, den 13. Juli, bereits gebucht.

 

Man wies mich an, meine Sachen aus der Zelle zu holen und mich für die Rückfahrt bereit zu machen. Diesmal waren drei Cobra-Beamte aus Innsbruck mit an Bord. Die Polizisten, die uns aus Wien hierher gebracht hatten, waren bereits gefahren.

Der Bus fuhr schnell, im Nu waren wir auf der Autobahn. Bald gab es ein Wettrennen zwischen unserem Polizeibus und einem silberfarbenen VW-Passat, in dem offenbar ein Polizist saß. Schließlich blieben wir auf einem Parkplatz stehen, der Beamte stieg aus seinem Auto und unterhielt sich mit seinen Kollegen. Es war nicht zu übersehen, dass es dabei um mich ging. Das Rennen ging weiter bis nach Wien, wo der VW-Passat die Führung übernahm. Der Bus folgte ihm bis zum PAZ am Hernalser Gürtel. Ich durfte telefonieren, um Familie und Freunde von meiner sicheren Rückkehr zu informieren.

Zurück in der Zelle überfielen mich sofort alle mit Fragen. Sie konnten kaum glauben, dass ich wieder da war. Es habe Gerüchte gegeben, ich sei außer Landes geschmuggelt worden. Ein Hausarbeiter habe sich drei Tage nicht in die Zellen gewagt, in denen Schwarze untergebracht waren. Ich erzählte alles, was auf dieser teuren und nutzlosen Reise passiert war.

Nach meiner Rückkehr aus Innsbruck fragte ich den Amtsarzt, warum man mich auf eine so lange, unnötige Reise geschickt hatte. Für ein fünfminütiges Gespräch? Einer der Pfleger meinte, das sei von der Menschenrechts-Organisation in Zusammenarbeit mit der BH Baden arrangiert worden. Der Mann, der vor wenigen Tagen vorgegeben hatte, für meine Sicherheit da zu sein und für Menschenrechte zu stehen, half also in Wahrheit tatkräftig mit, mich außer Landes zu bringen. 

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Kapitel 8

Am Morgen des 7. August nahm ich wie üblich meine Tabletten ein und sprach mit einer Mitarbeiterin von Dialog. Am Nachmittag war die Telefonzelle frei, und der Hausarbeiter erlaubte mir, meine Frau anzurufen. Ob sie mich abholen könne, fragte sie. Was? Ich war verwirrt. Der Verwaltungsgerichtshof habe bezüglich meiner Entlassung positiv entschieden, verkündete sie freudig. Ich konnte das nicht glauben. Auch sie solle das noch nicht für bare Münze nehmen, sagte ich noch, bevor ein vorbeigehender Beamter mir den Telefonhörer aus der Hand nahm und unser Gespräch unterbrach.

In den 130 Tagen, die ich in Schubhaft saß, wurde jeder Schubhäftling, dessen Fall vom VwGH positiv entschieden worden war, mit sofortiger Wirkung entlassen. Doch in meinem Fall war stets alles anders. Ich sah diese Entscheidung lediglich als Tinte auf Papier, die Umstände meiner Entlassung waren ungewöhnlich. Die Fremdenpolizei hatte sich in den Tagen, Wochen und Monaten zuvor viel Mühe gegeben. Möglichkeiten zu finden, mich außer Landes zu bringen, um den schrecklichen, unmenschlichen Akt vom 7. April zu vertuschen. Meine Entlassung wurde offenbar sogar noch nach Unterzeichnung des Entlassungsbescheids blockiert. Ich bin sicher, dass irgendjemand den Brief an meinen Anwalt zurückgehalten hat, denn die Entscheidung wurde am 25. Juli getroffen. Mein Anwalt erhielt den Brief erst zwei Wochen später.  

 

Die Pfleger brachten meine Abendmedikamente. Die meisten Mithäftlinge spielten Drave. Ich saß auf dem Gebetsteppich und betete, als unsere Zellentür geöffnet wurde. Zwei Beamte betraten unsere Zelle, einer von ihnen war der Mann in leitender Position, der mich einst in den Keller gesperrt hatte. Er brüllte meinen Namen und schien sehr nervös. Ob ich wisse, warum er hier sei. Ich sagte, ich hätte keine Ahnung und wollte es auch nicht wissen. Er habe den Befehl, mich mit sofortiger Wirkung zu entlassen.

Es stimmte also. Und wie rasch er mich aus dem Haus haben wollte, doch ich verlangte mehr Zeit, um all meine Sachen in Ordnung zu bringen und zusammenzupacken. Ich hatte die meisten meiner Bücher an meine Mithäftlinge verliehen und wollte sie noch einsammeln. Bevor ich meine Zelle verließ, betete ich noch einmal gemeinsam mit meinen Zellengenossen, und wir verabschiedeten uns freundschaftlich voneinander. Später haben wir alle einander wiedergesehen.

Ich folgte den Beamten hinunter zur Aufnahme, wo ich meine restlichen Sachen bekam. Dort begegnete ich noch einem jener Beamte, die ich wegen ihrer ständigen Einschüchterungen und Provokationen nicht leiden konnte. Seinetwegen hatte ich viele Tränen vergossen im PAZ.

Er fragte nach meiner Adresse. Aus meinem Mund würde er niemals erfahren, wo ich wohne, gab ich böse zurück. Ich sagte ihm, dass ich ihn für ebenso schuldig erachten würde wie meine Folterer. Dass er mir durch seine Zusammenarbeit mit ihnen Schmerzen zugefügt hatte, zusätzlich zu den Schmerzen, die ich ohnehin schon hatte. Ich erinnerte ihn an all die Dinge, die er mir an den Kopf geworfen hatte.

Er schaute mich ungläubig an. Sie hatten wohl alle gedacht, ich sei blöde. Mehrmals waren sie in meiner Gegenwart über mich hergezogen, als wäre ich eine Statue, die kein Wort versteht. Nun drängten sie mich geradezu, das Gefängnis schnellstens zu verlassen. Man führte mich hinunter zum Erdgeschoß, die letzte Tür zur Freiheit ging auf. Ich riss die Hände in die Höhe und dankte Gott für die Erneuerung meiner Seele.

Es war dunkel, der Nebel hing über dem Hernalser Gürtel. Der Zeitpunkt meiner Entlassung war unüblich, und wieder bekam ich Angst. In der Nähe stand eine Telefonzelle, ich flehte die Frau darin an, ihr Gespräch zu unterbrechen. Tatsächlich reichte sie mir den Hörer, und ich bat sie, in der Zwischenzeit Ausschau nach verdächtigen Personen zu halten.

„Ich bin endlich frei!“ Meine Frau war überglücklich, doch auch sie konnte nicht verstehen, warum man mich zu so später Stunde entlassen hatte. Ich solle mir schnell ein Taxi nehmen, riet sie mir, doch das hielt ich für zu riskant. Ich ging zu einem Freund, der in der Nähe wohnte, und bat ihn, mich eine Stunde lang bei ihm verstecken zu dürfen. Als ich ruhiger geworden war und mich halbwegs in Sicherheit wähnte, bestellte ich ein Taxi.  

Meine Familie stand vor dem Haus und wartete auf mich. Wir weinten vor Freude, als wir einander in die Arme fielen, und ich war unendlich dankbar für diesen Moment. Noch vor kurzem hatte ich befürchtet, meine Frau und meine Kinder nie wieder zu sehen.

Meine Frau versperrte die Wohnungstür mit zwei Sicherheitsschlössern. Dann ging sie in die Küche und bereitete ein köstliches Mahl für mich, während ich die Kinder ins Bett brachte. Wir konnten die ganze Nacht nicht schlafen, die ganze Zeit standen wir am Fenster, hielten Ausschau nach verdächtigen Bewegungen und hielten unsere Kameras bereit. Die Angst hatte auch meine Frau längst im Würgegriff.

 

Ich habe heute noch jede Nacht Alpträume, in denen ich mich unsicher und hilflos fühle. In denen ich brutal gefoltert, mit dem Polizeibus angefahren und mit tödlichen Schmerzen im Stich gelassen werde. In manchen Nächten kann ich gar nicht schlafen, weil ich ständig daran denken muss. Manchmal sitze ich nur da und grüble darüber nach, was passiert ist.

Ich kann keinen Abstand gewinnen von diesem Terror. Mein früheres Leben wurde mir vollständig genommen. Ich kann kaum wo hingehen ohne Begleitung. Ich leide noch immer unter starken Schmerzen, und nur Gott weiß, wann ich endlich wieder Teil der Gemeinschaft sein werde. Ich renne von einem Arzt zum anderen und habe das Gefühl, ums Überleben zu kämpfen. Immer noch tu ich mir schwer damit, Ärzten zu vertrauen, überhaupt jemandem zu vertrauen. Manchmal bin ich voller Hass und denke, dass jeder mein Feind ist.

Vor dem Tod habe ich keine Angst mehr. Ich habe den Tod gesehen, ich war ihm nahe und lebe mit ihm. Wenn ich in den Spiegel schaue, seh ich die Gesichter der Männer, die mir das angetan haben. Wenn ich an sie denke, werden die Schmerzen stärker, wenn ich die Augen schließe, stehen sie vor mir. 

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Bakary Jassey