VORWORT

 
Des andern Leid, kann ich es seh’n
Und trotzdem ohne Sorgen geh’n?
Des andern Trauer nehm ich wahr –
Lass dennoch ihn des Trostes bar?
— William Blake (1757–1827)

Vor acht Jahren haben österreichische Polizisten den aus Gambia stammenden Bakary Jassey gefoltert. Er wehrte sich dagegen, abgeschoben zu werden, ohne nochmals Frau und Kinder sehen zu dürfen. Auf dem Weg vom Flughafen zurück nach Wien führten in Beamten der Sondereinheit WEGA in eine Lagerhalle – dort beschimpften und traten sie ihn, richteten Waffen auf ihn, fuhren ihn mit dem Auto an; und in der Schubhaft ließen sie den schwer verletzten Mann 24 Stunden lang vor Angst und Schmerzen schreien. Die erst fünf Wochen nach dem Vorfall stattfindende ärztliche Untersuchung ergab: Kiefer, Jochbein und Augenhöhle waren bis zum Scheitelbein gebrochen.

Die folternden Beamten blieben zunächst im Dienst – und die österreichische Justiz erlag in diesem Fall der sie ansonsten selten anwehenden Versuchung, Milde walten zu lassen: drei WEGA-Polizisten wurden zu jeweils acht Monaten Haft verurteilt, ein vierter gar nur zu sechs Monaten. Erst der Verwaltungsgerichtshof sorgte sechs Jahre nach der Tat dafür, dass die Haupttäter ihren Dienst als „Freund und Helfer“ beenden mussten – und viele Jahre nach der von Organwaltern der Republik Österreich besorgten Folterung kam die längst überfällige Entschuldigung des Innenministeriums.

Der vorliegende Bericht von Bakary Jassey gibt seine Sicht der Ereignisse wieder. Aufmerksame Leserinnen und Leser werden bemerken, dass er manche Aspekte des von ihm selbst erlittenen Vorganges anders schildert, als sich dieser Sachverhalt in den gerichtlichen „Feststellungen“ darstellt. Aber selbst dann, wenn man dem vorliegenden Bericht alle Urteile anfügen wollte, ließe sich die vielbeschworene (und meist missverstandene) Objektivität nicht herstellen – man müsste schon allen Verhandlungen beigewohnt, sich selbst durch eigene Befragung aller Beteiligten ein Bild gemacht haben, um ein eigenes Urteil zu gewinnen, wenn man sich ernsthaft selbst auf die Suche nach der „Wahrheit“ machen wollte.

Bakary Jassey berichtet von den Geschehnissen, wie er sie erlebte – und er berichtet so, wie er sich an diese Ereignisse heute erinnert. Es handelt sich also um eine subjektive Sicht des Vergangenen. Zwar wird der Anspruch erhoben, ehrlich und wahrhaftig zu berichten, aber in Erlebnisberichten dieser Art gibt es keine Objektivität. Andere Beteiligte mögen die Vergangenheit anders erinnern, die Justiz mag anderes festgestellt haben, persönliche Erinnerung und die gerichtliche Feststellung von Sachverhalten mögen divergieren – aber so wenig sich aus der subjektiven Erinnerung ein Recht ableiten lässt, so wenig lässt sich an einem gerichtlichen Urteil die Wahrheit ablesen.

Der Fall Bakary Jassey ist durchaus über den Anlass hinaus bedeutsam. Wir sollten uns nicht scheuen, auf Grundsätzliches zu zielen:

Zwischen affektiven und kognitiven Zuständen gibt es besondere Beziehungen. Fühlen und Denken stehen in keinem unegalen Verhältnis zueinander. Das gilt insbesondere zwischen dem Leiden einerseits und dem Wissen, dass man leidet andererseits. Wenn ich leide, so weiß ich auch, dass ich leide – und wenn ich weiß, dass ich leide, so ist dem auch so. Ich kann mich nicht leidend fühlen, ohne gleichzeitig auch zu wissen, dass ich leide. Das hat nichts zu tun mit kapriziöser Rechthaberei, der alles schon deshalb als wahr gilt, weil es als gewusst behauptet wird. Der Grund ist vielmehr: Wenn die Erfahrung des Leidens nicht vorhanden wäre, wären sowohl das Objekt als auch die Mittel dieser Erfahrung nicht vorhanden. Einmal mehr zeigt sich hier die Richtigkeit der Aristotelischen Behauptung, „dass Leben wesenhaft gleich Empfindung und Denken ist“ (Nikomachische Ethik 1170a).

Es ist ganz leicht, und es ist doch so schwer:

Insofern Bakary Jassey zu leiden hat, werden wir nur dann wissen, was es für ihn bedeutet, wenn wir wissen, was es für ihn bedeutet, derart leiden zu müssen. Es reicht nicht, wenn wir in dem Sinne wissen, dass er verletzt wurde, dass das Gericht Verletzungen feststellte, dass Polizisten verurteilt wurden. Wir müssen wissen, was das für Bakary Jassey bedeutet.

Wir müssen also unterscheiden zwischen unserem bloßen Wissen, dass jemandem etwas passiert ist, einerseits und dem Wissen, was das für ihn bedeutet, andererseits. Die Justiz ist unmoralisch, sie behandelt das Wissen letzterer Art als irrelevant – und indem sie ein derartiges Wissen institutionell ignoriert, bietet sie uns niemals jene vollständige Information, die die Rationalität beim moralischen Urteil verlangt.

Die Justiz mag „funktionieren“, aber sie ist – trotz des gegenteiligen Geplärres ihrer Benefiziare – keine moralische Instanz. Wir können von ihr (bestenfalls) lernen, was als Recht zu gelten hat, was aber moralisch ist, das müssen wir selbst herausfinden. Ungeschmälert gilt auch hier des Aristoteles' Postulat: „Man muss ein einbeziehendes Bewusstsein auch von dem Dasein des Freundes haben, und dies kann Wirklichkeit werden durch das Beisammensein im täglichen Leben und die Gemeinschaft von Wort und Gedanke. Denn so ist gemeinhin der Begriff des Zusammenlebens zu verstehen, wenn er vom Menschen ausgesagt wird, und nicht wie beim Vieh als Grasen auf derselben Weide.“ (Nikomachische Ethik 1170b)

Ein derartiges „einbeziehendes Bewusstsein“ können wir entwickeln, wenn wir Bakary Jasseys Bericht Öffentlichkeit verschaffen. Erst durch diese Öffentlichkeit messen wir seinen Worten und Gedanken jene soziale Bedeutung bei, die uns davor bewahrt, unser Zusammenleben als eine bewusstlos versammelte Menge grasenden Viehs erscheinen zu lassen.

 

Alfred J. Noll