VORWORT

 

Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als die damals Verantwortliche unserer Research-Abteilung in mein Zimmer kam und mir eine wilde Geschichte erzählte. Vier Polizisten hätten einen Mann in eine Lagerhalle verschleppt und dort fast zu Tode gefoltert. In welchem Land, fragte ich arglos. „Was heißt in welchem Land, das ist hier in Wien passiert!“ gab sie zurück. Das konnte nur eine Ente sein. Doch es gab angeblich glaubwürdige Hinweise. Bevor dies an die Öffentlichkeit gelangte, mussten wir unbedingt hieb- und stichfeste Beweise haben. Es klang zu absurd, als dass ich es mir vorstellen konnte.

Meine Kollegin besuchte Bakary Jassey in der Schubhaft, gemeinsam mit seiner Ehefrau. Dort hatte sie das interessante Erlebnis, ihr Handy nicht mitnehmen zu dürfen. Damals war das Foto von ihm schon durch die Medien gegangen, ab da herrschte striktes Foto-Handy-Verbot im Besuchszimmer in der Schubhaft – was meinem Gefühl nach völlig rechtswidrig war. Wir mussten unseren beiden Ermittlerinnen ziemlich mühsam Handys ohne Kamera besorgen, damit sie auch während ihrer Gefängnis-Besuche in der Lage blieben, zu kommunizieren.

Mit den Tagen verdichteten sich die Berichte, was vor allem den Ruf- und Standorterfassungsdaten zu verdanken war. Es wurde klar: Die Geschichte konnte nur stimmen. Hinzu kamen die Berichte über die geflutete Lagerhalle, wenige Tage nach dem Vorfall. Die WEGA hätte dort eine Wasserwerferübung durchgeführt, hieß es. Das war für mich die finale Bestätigung. Wenn mit derart großem Aufwand versucht wurde, Spuren zu verwischen, musste all das wahr sein. Anders gesagt: Wenn es die WEGA selber glaubte, musste ich das wohl auch langsam.

Meine damalige Ungläubigkeit ist mir bis heute deutlich in Erinnerung. An jeden neuen Fall gehe ich mit einem gewissen Maß an Skepsis heran, um niemandem auf den Leim zu gehen. Auch wenn wir naturgemäß die Opferperspektive einnehmen, das ist die Aufgabe unserer Organisation. Aber bis ich bei dieser Geschichte diese glaubende Perspektive einnehmen konnte und sie nicht für eine absurde Erfindung hielt, hat es lange gedauert, länger als in jedem anderen Fall. So undenkbar schien sie mir.

Einer der erschreckendsten Aspekte dieses Falls ist die Tatsache, dass Bakary Jassey keine ausreichende medizinische Hilfe erhalten hat. Ich selbst habe immer gute Erfahrungen gemacht mit den Wiener Spitälern. Das war auch einer der Gründe, warum ich so lange zweifelte. Die Notaufnahme des AKH ist ein hochqualifizierter medizinischer Ort, an dem Menschen mit großer Erfahrung arbeiten. Wenn es einen Erstbefund gab, dass der Mann nichts Anderes hatte als einen blauen Fleck, dann musste das einfach so sein.

Als ich vier Wochen später die Befunde des gleichen Spitals in Händen hielt, in denen mehrfache Bruchstrukturen im Schädelbereich festgehalten waren, packte mich unbändiger Zorn. Eine Stinkwut auf den immer gleich ablaufenden Mechanismus: Wenn jemand mit anderer Hautfarbe in Handschellen von vier Polizisten in eine staatliche Einrichtung geführt wird, dann kann nur die Version der Beamten stimmen, und nichts anderes.

Auf der einen Seite ist die Exekutive eine Institution, die Gewicht, Renommee und Akzeptanz hat. Auf der anderen gibt es unglücklicherweise dieses zutiefst metternichsche, untertänige Obrigkeitsdenken bei uns. Nichts braucht hinterfragt zu werden, und in diesem Fall reichte es bis in den medizinisch-ärztlichen Bereich hinein. Einen Bereich, der sonst verlässlich und kritisch alles hinterfragt und sich auf nichts anders verlässt als den eigenen Blick. Wenn es etwa um das Thema Gewalt gegen Frauen geht, ist es eine Selbstverständlichkeit, auch nur beim kleinsten Verdacht wegen angeblich im Haushalt entstandener Blessuren zu reagieren. Etwa die Frau alleine zu befragen und nicht unter potentieller Täteraufsicht.

Mein Zorn galt nicht der einen Ärztin in der Notaufnahme, die damals einen Fehler gemacht hat – dieser war mir aufgrund der allgemeinen Sozialisierung leider nachvollziehbar. Nein, meine Wut galt dem System, das tickt, wie es eben tickt. Sie galt den Polizisten, welche die Niedertracht besaßen, falsche Fährten zu legen, um den Gesundheitszustand von Bakary Jassey zu vertuschen, nachdem sie ihn fast umgebracht hatten. Um zu tarnen und zu täuschen. Die nach dem ersten Schrecken über die eigene Tat nur sich selbst im Fokus hatten und ihr gesamtes Programm an Verschleierungstaktiken zur Anwendung brachten.

Meine größte Sorge war damals, die Sache könnte sofort vertuscht werden, die Polizei würde bis ins Innenministerium hinauf mauern. Doch dann gab es erste klare Äußerungen von Spitzenverantwortlichen. Von Skandal war die Rede, davon, dass so etwas nie wieder passieren dürfe. Ich dachte, damit ist die Sache erledigt, nun folgt ein knappes Jahr Verfahrensführung, Verurteilung, Entschädigung. Doch es kam entsetzlich anders.

Der nächste emotionale Höhepunkt war die Gerichtsverhandlung, oder besser die Farce davon. Ich habe die ganze Verhandlung mitverfolgt, habe gesehen, wie der Richter mit den Angeklagten umgegangen ist. Für ihn waren es bedauernswerte Kollegen aus seinem System. Der einzige Zeuge wurde einvernommen wie ein klassischer schwarzer Verbrecher. Nicht ausreden lassen, keinen Glauben schenken, jede Äußerung dreimal hinterfragen. Es war erniedrigend, demütigend und verletzend für Bakary Jassey.

Als der Richter das Urteil verkündete, war ich entsetzt. Als die Staatsanwaltschaft dann ihren Berufungsverzicht aussprach, ließ ich mich zum ersten Mal in meinem Leben zu etwas hinreißen, das ich bis dahin nicht für möglich gehalten hatte. Ich habe mich vor Gericht danebenbenommen. Ich habe hohen Respekt vor der Gerichtsbarkeit, die durch das Publikum nicht zu beeinflussen ist. Doch damals sprang ich von meinem Sessel auf und sagte laut: „Das kann nicht wahr sein!“ Es passiert nicht leicht, die Kontrolle zu verlieren, wenn man schon einige Jahre lang einiges gewöhnt ist. Doch diese Menschenverachtung hatte ich in Österreich nicht für möglich gehalten. Wir alle, mitfiebernde Zuschauer und allen voran das bedauernswerte Opfer, wurden an diesem Tag am Ort der Gerechtigkeit um genau diese geprellt.

Ich geriet in eine veritable Sinnkrise. Wozu versuchten wir eigentlich, unsere Arbeit zu machen, wenn all das hier tatsächlich geschah? Wenn offenbar nichts half? Ein sehr guter Therapeut ging mit mir das Debakel durch. Und er fragte mich, wie ich so arrogant sein könne zu glauben, ein paar Monate persönliches Engagement würden ein System grundlegend verändern. Er riet mir zu strategischem und langfristigem Denken, wie es sonst meine Art ist. Aus jeder Krise lernt man, und für mich war es die Hartnäckigkeit, derer ich mich nach einer Weile wieder besinnen konnte.   

Es folgten widerwärtige Jahre eines Disziplinarkommissions-Pingpongs. Die sogenannten Barmherzigen Brüder beschönigten, verharmlosten und ignorierten. Es war den Behörden vollkommen egal, dass ein seelisch schwer verletzter Mensch ständig retraumatisiert wurde. Jeder kleine Schritt an Mini-Teilgerechtigkeit wurde fünfzehnmal in Frage gestellt, siebzehnmal widerrufen. Es sollte Jahre dauern, bis drei der vier Beamten endlich aus dem Polizeidienst entlassen wurden. 

Für jeden Menschen ist es wohl nachvollziehbar, wie wichtig für ein Folteropfer Gerechtigkeit ist. Doch dieser Aspekt war dem System nicht einmal egal, so unwichtig war er. Es war nicht bereit, sich in seinen innersten, kumpelhaften Verhaberungstendenzen ernsthaft zu verändern. Und heute? Da gibt es ein Gerichtsgutachten, das empört. Abgesehen von dem grotesken Umstand, dass ein nach wie vor physisch und psychisch eingeschränkten Wiener ins ferne Horn geschickt wird, um begutachtet zu werden, ist der Inhalt des Berichts Zeugnis einer tiefsitzenden Tendenziösität und Kulturfeindlichkeit. Beim Lesen war mir ständig zum Erbrechen, besonders am Gipfel der Ungeheuerlichkeiten, wo es hieß: Wäre Bakary Jassey nicht aus Gambia geflohen, wäre er auch nicht gefoltert worden.

Einen schwer traumatisierten Menschen ständig aufs Neue zu verletzen, ist ekelerregend. Als würde man bei jemandem mit gebrochenen Gliedmaßen genüsslich mit den verletzten Körperteilen hin und her wackeln, damit sie nur nicht zusammenwachsen mögen. Genau das ist hier passiert, und es wird wohl noch eine Weile so weitergehen.

Das Innenministerium hat sich schlussendlich entschuldigt, das ist hoch anzurechnen. Doch vor dieser anonymen Mittelbau-Masse graut mir. Und auch wenn dieser Fall hoffentlich bald zu einem Abschluss findet, so befürchte ich, das anonyme System bleibt unbelehrbar.

Es bleibt die Feststellung, dass es in diesem System zum Glück auch Menschen gibt, die in diesem sowohl gesellschaftlichen wie beamteten System anders agieren, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Die es sich nicht nehmen lassen, sich trotz all dieser Widerwärtigkeiten zu engagieren. Es gibt viel Menschlichkeit in dieser Unmenschlichkeit, und das macht doch Hoffnung.  

Am meisten beeindruckt mich Bakary Jassey selbst. Unlängst sind wir einander wieder begegnet. Dieser Mann hat immer noch Überlebenswillen und auch –kraft, trotz aller Verzweiflung. Er ist schwer verletzt, aber nicht zerstört. Und ich kenne niemanden, der so stark ist wie er.

 

Heinz Patzelt